Generationswechsel bei den Grünen fallen selten so freudig-sentimental aus wie heute in Baden-Württemberg: Im Neuen Schloss in Stuttgart wird Winfried Kretschmann feierlich verabschiedet – mit dem Ballett „Schwanensee“, nach Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski und getanzt vom Stuttgarter Ballett. Es dürfte emotional werden, der 77-jährige, beliebte Landesvater geht in den Ruhestand. Aber der Nachfolger wartet schon: Cem Özdemir. Zwei pragmatische Politiker der Mitte, die für jene Volkspartei stehen, die die Grünen fast einmal geworden wären.
Der Blick ins Schwabenland öffnet die Augen, was den Grünen im Bund derzeit fehlt: glaubhafte, charismatische Köpfe, denen die Wähler das Land anvertrauen würden. Trotz der generellen Schwäche der Koalition und historisch schlechter Beliebtheitswerte des Kanzlers verharrt die Partei mit ihren 12 bis 14 Prozent im Nischenbereich. Klar, das sind natürlich auch Spätfolgen von Ampel und Heizungsgesetz. Doch weder die beiden Fraktionsvorsitzenden Britta Haßelmann und Katharina Dröge noch die Parteichefs Franziska Brantner und Felix Banaszak wirken über die eigene Blase hinaus. Die Verzweiflung darüber ist so groß, dass in der Partei die große Habeck-Verklärung einsetzt.
Hinter diesem Kernproblem werden strategische Entwicklungen fast übersehen. Schade! Denn es ist bemerkenswert, wie sich die Grünen schrittweise auf die Union zubewegen. Zur Fraktionsklausur lud die Bundestagsfraktion gestern die ehemalige CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, in Bayern war es Ex-CSU-Chef Erwin Huber. Inhaltlich zeigt man sich erstaunlich reformfreudig: Die Krankenkassenbeiträge will man mutig senken, bei der Rente fordern Realos das Ende der „Rente mit 63“ und ab 2043 ein Renteneintrittsalter von 68 Jahren. Friedrich Merz schlägt sich derweil mit der SPD herum…
Klar, bis zu Schwarz-Grün im Bund ist es noch ein weiter Weg. Doch immerhin sehen die Grünen endlich ein, dass ein sozialistischer Wettlauf mit Heidi Reichinneks Linken nicht zu gewinnen ist.