Irgendwann hat ein Medium die Formulierung des „deutschen Davos“ geprägt, seitdem nehmen die Macher des Ludwig-Erhard-Gipfels sie dankbar auf und zitieren sie auf ihrer Homepage und in ihren Reden. In dieser Selbstwahrnehmung steckte immer schon viel Wunschdenken, aber so offensichtlich wie dieses Jahr ist der Kontrast zur Realität noch nie gewesen. Denn anders als beim Weltwirtschaftsgipfel in der Schweizer Bergwelt fehlt am Tegernsee das Allerwichtigste: politische Prominenz.
Seit die Debatte um eine ungesunde Nähe von Geld und Macht Fahrt aufgenommen hat, halten die wichtigsten politischen Entscheider Sicherheitsabstand. So fatal das für die Veranstaltung ist, nicht nur finanziell, so selbstverschuldet ist die Misere. Selbst wenn es sich bei der angeblichen Einflussnahme auf politische Entscheidungsträger nur um maximal ungeschickte Werbeprosa für die besonders zahlungskräftige Kundschaft gehandelt haben sollte, hätten redaktionell alle Alarmsirenen schrillen müssen. Und wenn da mehr ist, hat der Gipfel als Stelldichein der Politik ohnehin keine Zukunft mehr.
In jedem Fall muss er sich neu erfinden, das tut er bereits. Das zentrale Motto („Zurück an die Weltspitze“) kann eine rein wirtschaftlich ausgerichtete Veranstaltung schon tragen, auch eine mit gehobenem Anspruch. So hochtrabend wie bisher aber sollte es am Tegernsee nicht mehr zugehen.