Verden – Eine martialische Szene: Drei Maskierte richten Maschinenpistolen und eine Panzerfaust auf einen Geldtransporter. Schüsse fallen, ein Geschoss bleibt in der Rückenlehne des Fahrers stecken. „Das war einfach hochgradig gefährlich“, sagt Staatsanwältin Annette Marquardt über den Überfall in Stuhr nahe Bremen 2015. Sie bleibt in ihrem Plädoyer dabei: Die ehemalige RAF-Terroristin Daniela Klette soll mit ihren mutmaßlichen Komplizen – den ehemaligen RAF-Mitgliedern Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub – einen versuchten Mord begangen haben.
Das Trio soll von 1999 bis 2016 Geldtransporter und Kassenbüros überfallen und Millionen für ihr Leben im Untergrund erbeutet haben. Der Überfall in Stuhr steht seit Beginn der Verhandlung am Landgericht Verden im Fokus. Mordversuch oder nicht? Die Richter sprechen eher von einem „bedingten Tötungsvorsatz“: Der Schütze soll den Tod des Opfers in Kauf genommen haben.
Die Staatsanwaltschaft wirft Klette auch versuchten und vollendeten schweren Raub als „Mitglied einer Bande“ vor. Außerdem: Verstöße gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz. „Delikte mit ganz erheblicher krimineller Energie“, sagt Marquardt und wendet sich direkt an die Anklagte. „Sie haben die Taten in unerträglicher Weise bagatellisiert.“ Laut Anklage soll die Deutsche 13 Überfälle mit Staub und Garweg in Niedersachsen, NRW und Schleswig-Holstein begangen haben. Im Laufe der Verhandlung stellte das Gericht die Verfahren zu fünf Taten ein. Von den beiden Männern fehlt bis heute jede Spur.
Zum Verhängnis im Prozess könnten Klette auch Fotos, Skizzen und Aufzeichnungen von Routen von Geldtransportern, ausspionierten Supermärkten und Polizeiwachen in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden. Die Beamten entdeckten zudem bei ihrer Festnahme Handys, Rechner, Sturmhauben und Flecktarnhosen. Die Kleidung sei nach all den Jahren „dankenswerterweise ungewaschen“, sagt die Staatsanwältin. Experten konnten so DNA-Spuren von Garweg und Klette nachweisen.
Während ihre Komplizen weiter auf der Flucht sind, sitzt Klette seit mehr als zwei Jahren in Untersuchungshaft. Für sie gelten besondere Sicherheitsvorkehrungen: Eine Eskorte mit mehreren Polizeiwagen, Blaulicht und Martinshorn begleitet sie zu jeder Verhandlung. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte bewachen das Gelände mit der extra zum Hochsicherheitstrakt umgebauten Reithalle am Rand von Verden.
Die Taten räumte Klette vor Gericht weder ein, noch stritt sie sie ab. Stattdessen nutzte sie die Aufmerksamkeit lieber für politische Botschaften – etwa für eine Kritik am Kapitalismus. Nach mehr als einem Jahr stellte das Gericht jetzt die Beweisaufnahme ein. Nach der Staatsanwaltschaft können in den nächsten Tagen Nebenklage und Verteidigung schildern, welche Strafe sie für angemessen halten. Das letzte Wort hat die Angeklagte, bevor das Gericht frühestens Ende Mai zu einem Urteil kommt. Klette droht eine jahrelange Haftstrafe – und ein weiteres Verfahren wegen Anschlägen während ihrer RAF-Zeit.MIRJAM UHRICH HELEN HOFMANN