Seit 2022 war der russische Pavillon auf der Biennale von Venedig allenfalls insofern ein Kunstwerk, weil ein verloren wirkender Polizist tagein, tagaus vor dem leeren Gebäude patrouillierte. Wegen Putins Angriffskrieg auf die Ukraine war Russland von dem Kunst-Event ausgeschlossen. Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco hat nun jedoch eine „Biennale des Waffenstillstands“ ausgerufen: Russland darf seinen Pavillon wieder bespielen – Kuratorin ist die mit der Kreml-Führung eng verbandelte Tochter eines Geheimdienstgenerals, so viel zur Freiheit der Kunst in Russland.
Erst die Zulassung Russlands bei den Paralympics, jetzt die Wiederaufnahme bei einem der wichtigsten Kunstereignisse Europas: Alles wieder gut, Gospodin Putin? Es ist ein Skandal, dass auf so vielen Ebenen „Normalität“ im Umgang mit Moskau hergestellt wird, obwohl der Kreml-Herrscher sich keinen Millimeter auf Kiew zubewegt. Den von der Biennale-Führung beschworenen „Waffenstillstand“ gibt es leider nur im Kopf Buttafuocos. Die russische Aggression wird so schleichend akzeptiert – mit Signalwirkung für alle Gewaltherrscher. Insofern ist es richtig, dass die Biennale-Jury jetzt geschlossen zurückgetreten ist. Und es ist konsequent, dass sie in die Rücktritts-Begründung auch Israels Teilnahme eingeschlossen hat: Der völkerrechtlich nicht gedeckte Angriff auf den Iran macht es Putin und Co. allzu leicht, die eigenen Verbrechen zu relativieren. Die Begründung der Jury, keine Preise an Länder zu vergeben, gegen deren Staats- und Regierungschefs der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle wegen Kriegsverbrechen erlassen habe, ist klug. Denn so vermeidet sie, sich auf die schwierige Diskussion über die Vergleichbarkeit der beiden Kriege einzulassen.KLAUS.RIMPEL@OVB.NET