Wilde zwölf Monate – und jetzt Verlängerung: Jens Spahn, Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. © Kay Nietfeld/dpa
Berlin – Seinen Job beschreibt Jens Spahn so: „Das ist wie Knorpel sein.“ Als Chef der größten Koalitionsfraktion müsse er Druck gleich von mehreren Seiten abfedern – aus der Regierung, der Partei, der eigenen Fraktion. „Eine Aufgabe ist es, das alles in Balance zu bringen, auszugleichen oder auch durchzubringen dann am Ende und dem Druck standzuhalten“, sagt er. Die ersten Monate seien da sehr „intensiv“ gewesen. „Aber unter dem Strich war das schon okay.“
Mit dem heutigen Tag ist Spahn genau ein Jahr der Knorpel der Koalition. Und bleibt es bis zum Ende der Legislaturperiode. Bei der turnusgemäßen Neuwahl kam er am Dienstagnachmittag auf 86,5 Prozent. Das ist zwar deutlich weniger als die 91,3 Prozent von 2025, gilt aber noch als stabiles Ergebnis unter den 208 Abgeordneten von CDU und CSU – trotz 26 Nein-Stimmen und drei Enthaltungen. Spahn dankte der Fraktion, man habe gemeinsam „noch viel vor“.
Mit seinen 45 Jahren liegt Spahn zwar noch zwei Jahre unter dem Durchschnittsalter im Bundestag, zählt aber zu den erfahrensten Parlamentariern. 2002 wurde er mit 21 als damals jüngster Abgeordneter der Union in den Bundestag gewählt, dem er nun schon fast ein Vierteljahrhundert angehört – mehr als sein halbes Leben. Von 2017 bis 2021 war er Gesundheitsminister unter Merkel und nach dem Wahlsieg der Union im vergangenen Jahr auch als Wirtschaftsminister im Gespräch. Merz machte ihn aber zum Fraktionschef. Ein Posten, der im Gesamtgefüge der Koalition deutlich mächtiger ist.
Seine erste Amtszeit begann ziemlich holprig. Das Platzen der Wahl der Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin wurde ihm angelastet, weil er den Widerstand in der eigenen Fraktion zu spät erkannte. Er beschreibt diesen 10. Juli 2025 als einen der beiden „heftigsten“ Tage seiner Karriere – neben der Corona-Krise, in der er massiv unter Druck geriet. Aus der Bahn werfen lässt sich Spahn von so etwas aber nicht. Auch nicht von der Affäre um Maskenkäufe in seiner Zeit als Gesundheitsminister, die ihn bis in diese Legislaturperiode verfolgte. „Es braucht ziemlich viel, um mich umzuhauen“, sagt er.
Die wohl schwierigste Nagelprobe hatte er im Herbst zu meistern, als die Junge Union den Aufstand gegen das Rentengesetz von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas probte. Merz zeigte sich trotzig und ging auf Konfrontationskurs. Spahn musste die Stimmen organisieren und nahm sich jeden Einzelnen der jungen Rebellen in seiner Fraktion vor – angeblich nicht zimperlich. Spahn dementiert, direkt gedroht zu haben. „Ich führe einfach freundliche, klare Gespräche, ich drohe nicht.“
Nach den schwierigen ersten Monaten hat sich Spahn gefangen. Er tritt heute deutlich befreiter auf als in der Startphase der Koalition, lässt sich viel häufiger im Fernsehen blicken. Während er anfangs als der Wackelkandidat im Team Union galt, sieht er sich nun selbst als „Stabilitätsanker“ der Koalition. Auch die CSU, die ihn in der gemeinsamen Fraktion mitzuwählen hat, äußert sich überwiegend lobend. Spahn sei „ein enger Freund der CSU“, sagt Landesgruppenchef Alexander Hoffmann (der auf vier Jahre gewählt ist und nicht zur Zwischenwahl anstand). Spahn leistet sich sogar, das gefällt den Bayern, eine Doppel-Mitgliedschaft in CDU und CSU.
Dass Spahn die Kurve gekriegt hat, hängt freilich auch damit zusammen, dass sein Parteichef und Kanzler die entgegengesetzte Entwicklung durchgemacht hat. Zudem bleiben Vorbehalte bei der SPD gegenüber Spahn. Der Fraktionschef gilt als derjenige aus der Führungsriege, dem am ehesten zugetraut wird, die Tür zur AfD einen Spalt zu öffnen. Öffentliche Zuckungen in diese Richtung gab es auch bei ihm allerdings bisher nicht.
Spahn hat einen recht pragmatischen Ansatz, wenn es um die schwierige Situation der Koalition geht. Er beschreibt ihn gerne westfälisch knapp mit nur einem Wort: „Muss.“