In der Politik gibt es Popstars, die schnell verglühen wie Karl-Theodor zu Guttenberg. Und es gibt die oft Totgesagten, die nicht totzukriegen sind. Die zäh sind wie Knorpel. Jens Spahn, der sich selbst den „Knorpel der Koalition“ nennt, gehört zur zweiten Sorte. Maskenaffäre, gescheiterte Richterinnenwahl, Rentenaufstand der JU: Spahns erstes Jahr als Unions-Fraktionschef verlief turbulent, ja krisenhaft. Gemessen daran sitzt der 46-Jährige erstaunlich fest im Sattel. Mit 86 % haben ihn die Abgeordneten von CDU und CSU in seinem Amt bestätigt. Spahn bleibt Vorsitzender der mächtigen Fraktion – und Kanzler im Wartestand. Für den Fall, dass die Sache für Friedrich Merz nicht gut ausgeht.
Dass die Fraktion ihren Chef schont, liegt auch daran, dass die „Schuldfrage“ in der Union fürs Erste geklärt ist. Merz, nicht Spahn machen die Abgeordneten für die schlechten Umfragewerte verantwortlich. Der Strippenzieher aus dem nordrhein-westfälischen Borken, der mittlerweile mehr als sein halbes Leben dem Bundestag angehört, kann sich zudem auf ein mächtiges Netzwerk von Verbündeten stützen. CSU-Chef Söder gehört dazu; beide verbindet die Rivalität mit NRW-Ministerpräsident Wüst. Außerdem die konservativen Unions-Schwergewichte Alexander Dobrindt, Carsten Linnemann und Julia Klöckner.
Sogar in der SPD fangen sie an, Spahn einigermaßen zu trauen. Gemeinsam mit SPD-Fraktionschef Miersch bildet er die neue Achse, die die schwarz-rote Koalition zusammenhalten muss, nachdem das zunächst gute Verhältnis von Kanzler Merz zu seinem Vizekanzler Klingbeil in die Brüche gegangen ist. Dafür hat Spahn vorerst seine Versuche aufgegeben, das Verhältnis zur AfD, die er zu Beginn der Legislatur noch wie eine normale Partei behandeln wollte, zu entkrampfen. Dafür gibt es gute Gründe: Entgegen vielen Hoffnungen macht die AfD keine Anstalten, sich wie die rechten Bewegungen von Giorgia Meloni und Marine Le Pen zu de-radikalisieren. Der Versuch, Bündnisse mit der Alternative zu schmieden, würde die Union in zwei Teile zerreißen und wäre zugleich ein Konjunkturprogramm für Linke, SPD und Grüne bis hin zur Möglichkeit einer linken Mehrheit nach der nächsten Bundestagswahl; Merz‘ Asylabstimmung mit der AfD war dafür ein Vorgeschmack. Spahn, der schon gegen Merkel rebellierte, mag abenteuerlustig sein, bisweilen kühn. Aber er ist kein Hasardeur.GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET