Wie Horst den Kollegen Winfried in Pension schickt

von Redaktion

Die Duzfreunde Seehofer und Kretschmann treten in Berlin auf: Sanft übereinander, etwas weniger sanft zu Söder

Kretschmann und Seehofer hier 2016 in Berlin. © Unkel/dpa

Berlin – Man hat CSUler schon lange nicht mehr so liebevoll über Grüne reden hören. „Er ist zuallererst ein Mensch. Ein feiner Mensch“, sagt Horst Seehofer über Winfried Kretschmann. „Extraklasse in Deutschland. Ihm ging es nie darum, für die Öffentlichkeit darzustellen, was für ein großer Staatsmann er ist.“ Nanu: Hier hält ein Ex-CSU-Ministerpräsident (76) eine herzliche, tiefsinnige Laudatio auf einen Bald-Ex-Grünen-Ministerpräsidenten (77).

In Berlin, in Baden-Württembergs Landesvertretung dort, verabschiedet Seehofer seinen Kollegen und Duz-Freund gestern Abend bei einem Festakt gleichzeitig herzlich und launig in den Ruhestand; übrigens in Gegenwart der Ex-Kanzler Olaf Scholz und Angela Merkel – außergewöhnlich.

Es lohnt sich, genau hinzuhören. Denn Seehofer packt in seine Rede einige Mahnungen und auch Spitzen; dies ohne einmal den Namen seines Nachfolgers Markus Söder zu nennen. „Vertrauen ist das wichtigste Kapital eines Politikers“, betont der Ex-CSU-Chef, „das können Sie durch keinen Aktionismus ersetzen, in keinem Wahlkampf zurückholen, auch nicht durch hektisches Korrigieren und Verändern.“ Seehofer spottet lustvoll über schauspielende Politiker: Demut brauche es schon, ja, aber „nicht eine anlassbezogene Demut, sondern ehrliche“. Nicht die „Inszenierung von Politik, sondern das Machen“ zähle, sagt der Oberbayer, „auch nicht jedes Wochenende schöne Interviews“. All das habe Kretschmann gelebt, mit Haltung und Anstand, und deshalb 15 Jahre regiert. „Du warst nie ein Angeber.“

Seehofer kritisiert, auch da ohne Söder-Nennung, klar den Anti-Grünen-Wahlkampf der CSU der letzten Jahre. „Demokraten sollen streiten, aber sich nicht zerstreiten.“ Die Quittung dafür bekomme gerade die ganze Demokratie in Deutschland. „Die Bevölkerung sieht ja, wie wir miteinander umgehen.“ Zu Kretschmann gewandt, sagt Seehofer dann: „Du hast nie andere Menschen herabgesetzt. Auch nicht demokratische Parteien.“ Und, so lässt der Bayer gezielt fallen, seit wenigen Tagen regierten die Grünen ja auch die Stadt München.

Aus Berlin wird Kretschmann an diesem Abend mit donnerndem Beifall verabschiedet. Fünf Tage ist er noch im Amt, dann übergibt er an Cem Özdemir.CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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