Weltfremde Verweigerungshaltung

von Redaktion

Deutschland und der Wehrdienst

Der Übergang von Geschichtsbewusstsein zu Anmaßung ist fließend. Dass tausende Schüler am Freitag gegen den Wehrdienst auf die Straße gingen, war keine Anlehnung an die freitäglichen Streiks für Klimaschutz. Es ging um den 8. Mai und das Kriegsende. Das Motto bewegte sich zwischen Pathos und Nonsens: „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Wehrpflicht!“

Die neuen Realitäten sind noch nicht überall angekommen. Es ist so bequem wie naiv, 15 Jahre nach Ende der Wehrpflicht und in dramatisch veränderten Zeiten zu glauben, schon ein Hauch von Zwang – mehr stellt das neue Wehrdienstgesetz nicht dar – sei für junge Menschen eine Zumutung. Bei einigen ist es bereits zu viel verlangt, auch nur den Fragebogen auszufüllen. Die Quote an verweigerten Auskünften liegt je nach Quelle zwischen 9 und 28 Prozent. Der eine Wert wäre akzeptabel, der andere absurd hoch.

Das Land hat sich aus historischen Gründen immer schwergetan mit seiner Armee. Selbst jetzt wirkt der Versuch, die Bundeswehr zu stärken, halbherzig. Mehr als sanften Druck gibt es nicht. Die Strafe für verweigerte Auskünfte bewegt sich im unteren Bereich des Möglichen (250 statt 1000 Euro), zur Pflicht wird der Wehrdienst erst, wenn Freiwilligkeit wirklich gar nicht mehr reicht.

Diese Kröte musste die Union schlucken, um einen Konsens zu finden. Ein Teil des linken Spektrums führt Debatten, die sich das Land in Wahrheit gar nicht mehr leisten kann. Wenn ein Linken-Politiker den Fragebogen im Altpapier gut aufgehoben sieht und schlichtes Ignorieren als Zivilcourage verbrämt, ist das eine weltfremde Verweigerungshaltung.

In einer zentralen Frage der Gegenwart ist Deutschland wenig gerüstet. Kurzfristig ist es schon eine Herausforderung, auch nur eine Infrastruktur für die Musterung aus dem Boden zu stampfen. Das Land, früher gespickt mit Kreiswehrersatzämtern, muss sich da neu aufstellen, und ein Ballungsgebiet wie Oberbayern wird übersehen. Ein paar (dutzend) Kilometer mehr zur Musterung zu haben, mag im Ministerium als Bagatelle erscheinen. Doch Analysen zeigen, dass potenziellen Soldaten kaum etwas wichtiger ist als ein Standort in der Heimatregion. Willl das Land sich den Luxus einer Freiwilligenarmee leisten, sollte die so attraktiv – und bürgernah – wie möglich sein.MARC.BEYER@OVB.NET

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