Putins scharfe Diskursbombe

von Redaktion

Alt-Kanzler als Ukraine-Vermittler?

Tun wir mal einen Moment lang so, als wäre der Ruf nach Gerhard Schröder als Ukraine-Vermittler keine dieser üblichen Putin-Finten. Was also hätte der Ex-Kanzler, außer seiner langen Freundschaft mit dem Kreml-Imperator, anzubieten? Den Ruf, unvoreingenommen zu sein? Einen Vertrauensvorschuss auch bei Europäern und Ukrainern? Die Kraft, monatelang hochkomplexe Verhandlungen zu führen, die auch dem bocksturen Kreml etwas abverlangen? Nicht im Ernst.

Zugegeben, die Zahl derer, die als Vermittler infrage kämen, ist nicht sehr groß. Und schlechter als der Putin-faszinierte US-Präsident würde es der Alt-Kanzler kaum machen. Aber diese Gedanken lohnen kaum, weil sie von der Prämisse ausgehen, in Putin wäre zuletzt so etwas wie eine Friedensbereitschaft gereift – sichtbare Anzeichen dafür sucht man vergebens. Auch seine Einschätzung, der Krieg neige sich dem Ende zu, ändert das nicht. Der Satz klingt bemerkenswert, weil er suggeriert, etwas bewege sich. Putin bettete ihn aber ein in bekannte Maximalforderungen, die ernsthaftes Verhandeln im Grunde unmöglich machen.

Wie ernst die Idee gemeint war, Schröder möge sich einschalten, lässt sich kaum sagen. Vielleicht ist sie eine kleine Diskursbombe, die der Kreml-Chef wirft, um Europa aufzumischen. Vielleicht ist sie auch Anzeichen wachsender Nervosität. Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen rund um Putin, immer teurer erkaufte Minimalgewinne an der Front, schmerzhafte ukrainische Drohnenschläge in Russland, vereinzelt offene Kritik – in Summe ist das nicht die Bilanz einer Kriegspartei, die – um mit Trump zu sprechen – alle Karten in der Hand hat. Einer wie Schröder ist womöglich Putins leise Hoffnung, den festgefahrenen Krieg politisch für sich zu entscheiden.

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