Wenn ihr schon der Weg in die Nato versperrt bleibt, dann soll sich die Ukraine zumindest in ein „Stachelschwein“ verwandeln und so wehrhaft werden, dass sogar die zweitstärkste Armee der Welt sich daran die Zähne ausbeißt. Wenn nicht alles täuscht, dann haben die Europäer, voran Kanzler Friedrich Merz, mit ihrer entschlossenen Unterstützung für die aufopferungsvoll kämpfenden Ukrainer dieses Ziel erreicht: Präsident Putin sinniert plötzlich laut über ein nahendes Kriegsende. Und Verteidigungsminister aus aller Welt geben sich in Kiew die Klinke in die Hand, um dort Nachhilfe in moderner Drohnenkriegsführung zu erhalten. Gestern war es der Deutsche Boris Pistorius, der zu Präsident Selenskyj reiste, um die gemeinsame Entwicklung neuer Waffensysteme voranzutreiben, auch mit Mitteln privater Investoren. Davor war Selenskyj im Nahen Osten, um Drohnen-Deals mit den arabischen Golf-Anrainern abzuschließen.
Es ist eine Win-win-Situation für beide Seiten: Deutschland hat das Geld – und die Ukraine als weltweit führendes Land im Drohnenkampf das dringend benötigte Know-how, um den russischen Aggressor abzuschrecken. Für das um seine Sicherheit bangende Europa ist die Ukraine, anders als von der AfD behauptet, längst kein Bittsteller mehr, sondern ein strategischer Partner. Ukrainische „Deep-Strike“-Drohnen sind heute in der Lage, Ziele überall in Russland zu treffen; Putins Angst vor einem Angriff auf die Mai-Parade sprach Bände. Zugleich erleidet seine Armee an der Front aufgrund der überlegenen ukrainischen Drohnentechnik schwere Verluste. Westliche Dienste beziffern die Zahl der gefallenen oder verwundeten russischen Soldaten allein im April mit 35.000. Zunehmend gelingen den Verteidigern auch Rückeroberungen. Kreativ und hochbeweglich führt die ukrainische Demokratie ihren Überlebenskampf gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner – und legt dabei immer mehr die Schwachstellen des schwerfälligen Militärapparats der russischen Diktatur offen.
Trumps Behauptung, die Ukraine habe „keine Karten“ in der Hand, ist auf beeindruckende Weise widerlegt. Das könnte die Dynamik für Friedensverhandlungen fundamental verändern. Das Interesse des unter einer schweren Wirtschaftskrise wankenden Riesen Russland, den Krieg zu beenden, wächst. Gleichzeitig sind auch die Ukrainer des Kämpfens müde. Die Tür für Verhandlungen, die nicht auf eine faktische Kapitulation der Ukraine und den Verlust des gesamten Donbass hinauslaufen, ist zum ersten Mal einen Spaltbreit offen. Europa sollte nicht zögern, mit eigenen Initiativen einen Fuß in diese Tür zu bekommen.GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET