Jeder blamiert sich, so gut er kann. Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger hat sich mit seinem ressentimentgeladenen Auftritt in der TV-Sendung „Hart aber fair“ und seiner Verächtlichmachung der angeblichen Klamauk-Show „Eurovision Song Contest“, mit deren Queerness „der Normalbürger“ nichts anfangen könne, nicht nur selbst keinen guten Dienst erwiesen. Er hat als Vize-Ministerpräsident auch das Zerrbild eines spießigen Bayern gezeichnet, das seine Bürger nicht verdienen.
Aiwangers Krawall überschattete die viel relevantere Debatte. Wichtiger als das Thema, wie schrill oder queer der ESC sein darf, ist die Frage, wie politisch er sein soll. Und da haben dieses Jahr mit Spanien, Slowenien, Irland, Island und den Niederlanden fünf Länder die falsche Antwort gegeben. Sie boykottieren den Song Contest, weil er Israel nicht verstoßen hat. Die schlimmste Begründung lieferte Sloweniens TV-Chefin Natalja Gorscak: „Wir alle sind Geiseln der politischen Interessen der israelischen Regierung“ – übler hätte sie die überlebenden und getöteten Hamas-Geiseln nicht verhöhnen können. Für sie hatte die Sender-Chefin kein Wort übrig.
Warum sollte ein israelischer Künstler von der Teilnahme an einem Musikfest ausgeschlossen werden? Was hat er sich persönlich zuschulden kommen lassen? In Wahrheit geht es den Boykott-Aktivisten doch mehr um erhoffte Wählerstimmen – und im Fall der Künstler um die eigene Selbsterhöhung. Kulturschaffende sehen sich gern selbst als eine moralisch überlegene gesellschaftliche Avantgarde, die sie nicht sind. Denn Künstler sind weder klügere noch bessere Menschen. Ihr Lifestyle-Antisemitismus kostet nichts außer ein bisschen Gratismut.
Das heißt nicht, dass man Israel und der in Teilen rechtsextremen Regierung Netanjahu dort, wo es nötig ist, nicht entgegentreten sollte. Gerade hat die EU gewalttätige jüdische Siedler und ihre Organisationen, die die palästinensischen Bewohner des Westjordanlands drangsalieren und ihr Land stehlen, auf eine EU-Sanktionsliste gesetzt. Netanjahu sieht darin einen „moralischen Bankrott“ Europas. Doch geht in Wahrheit Israel selbst moralisch pleite, wenn es die Hamas-Gewalt mit Siedler-Gewalt beantwortet. Auf ein (weit ausgelegtes) Notwehrrecht wie in Gaza kann sich Jerusalem hier ebenso wenig berufen wie auf die Ausschaltung der atomaren Bedrohung durch den Iran. Wiederum tönt es „Antisemitismus“ aus der israelischen Regierung. Doch verrät dies nur deren Ratlosigkeit im Umgang mit einem politisch gerechtfertigten Siedler-Boykott der Europäer.GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET