Während der Pandemie zählte Professor Jonas Schmidt-Chanasit zu den profiliertesten Analysten und Ratgebern. Im Interview erklärt der Hamburger Virologe vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, wie sich Hantaviren von Corona unterscheiden und warum andere Erreger für Bayern bedrohlicher sind.
Kann das Hantavirus so gefährlich wie Corona werden?
Ich sehe keine Bedrohungslage für die Bevölkerung in Deutschland. Die Andes-Spezies des Hantavirus ist zwar sehr gefährlich, aber auch sehr selten. Bei dem aktuellen Ausbruch handelte es sich um ein lokal begrenztes Geschehen, überspitzt formuliert um eine tragische Anekdote auf einem kleinen Kreuzfahrtschiff. Die Menschen waren dort eng zusammen, das Schiff wirkte wie ein Inkubator für die Viren. Eine Verbreitung darüber hinaus ist unwahrscheinlich. Trotzdem müssen die Behörden die Situation im Auge behalten und die Passagiere der MV Hondius beobachten. Genau das passiert ja auch.
Was unterscheidet das Andes-Virus von Covid-19?
Andes-Viren können fast nur von bereits erkrankten Personen übertragen werden – anders als Corona-Viren. Während der Pandemie waren viele Menschen mitunter bereits seit mehreren Tagen infektiös, obwohl sie noch gar keine Symptome bemerkten. Auch insgesamt war das Corona-Virus leichter übertragbar. So konnte sich Covid-19 unbemerkt rasant ausbreiten. Das ist im Falle der Andes-Viren höchst unwahrscheinlich. Tückisch ist es trotzdem. Denn die Ansteckungsgefahr ist auch schon bei ersten und milden Krankheitszeichen gegeben, die man mit einem weniger bedrohlichen Infekt verwechseln kann. Dazu zählen unter anderem Bauchschmerzen und leichtes Fieber.
Der Hantavirus-Ausbruch weckt bei vielen Menschen unangenehme Erinnerungen an Corona. Könnte es ein ungewolltes Covid-Comeback geben?
Corona ist endemisch geworden, vereinfacht ausgedrückt ein ganz normales heimisches Virus. Das bedeutet: Es verschwindet nicht mehr aus der Bevölkerung, wir sehen immer wieder Infektionswellen, vor allem im Winter. Aber die meisten Menschen verfügen dank einer durchgemachten Infektion oder einer Impfung über eine Grundimmunität.
Abgesehen von Hanta- und Corona – müssen wir uns derzeit wegen drohender Seuchen Sorgen machen?
Ich halte nichts von Alarmismus. Wir müssen sorgfältig darauf achten, die Bevölkerung nicht mit ständigen Warnungen zu verunsichern. Wenn jeden Tag eine neue vermeintliche Bedrohung im Mittelpunkt steht, stumpfen die Menschen ab und dann werden Warnungen möglicherweise nicht mehr ernst genommen, wenn es wirklich darauf ankommt.
Aktuell kein Viren-Alarm?
Eine Pandemie ist derzeit nicht in Sicht. Exotische Infektionskrankheiten werden uns aber auch in Deutschland weiter begleiten. Durch Klimawandel, Reiseverkehr und die Ausbreitung der Asiatischen Tigermücke wird es früher oder später auch in Deutschland zu Dengue-Virus und Chikungunya-Virus-Infektionen kommen. bez