Englands König des Nordens greift an

von Redaktion

So nah, doch noch so fern: Andy Burnham im Sommer 2024 nach einem Treffen englischer Bürgermeister im Amtssitz Keir Starmers. © Salci/IMAGO

München – Manchmal ist ein Lob schroffer als jede Ohrfeige. Als Andy Burnham Anfang des Jahres erklärte, sich für einen frei werdenden Sitz im britischen Parlament bewerben zu wollen, erteilte Keir Starmer seinem Labour-Parteifreund eine ebenso wohlklingende wie krachende Absage. Burnham, urteilte der Premier, mache als Bürgermeister der Metropolregion Manchester einen dermaßen „tollen Job“, dass er unverzichtbar sei. Ihm eine Bewerbung zu gewähren, sei eine Verschwendung von Ressourcen.

Was Starmer wirklich meinte: Er wäre schön dumm, sich einen Rivalen ins Unterhaus zu holen, der aus seinen Ambitionen kein Hehl macht und in Labour-Kreisen hohes Ansehen genießt. Welch große Hoffnungen die schwächelnde Regierungspartei auf Burnham (56) setzt, war im Januar daran zu erkennen, wie heftig die Reaktionen auf Starmers Machtwort ausfielen. John McDonnell, ein Partei-Urgestein, sprach von einer „widerwärtigen Entscheidung“, die Abgeordnete Louise Haigh appellierte an die Parteispitze, den Beschluss zu überdenken: „Sonst werden wir das alle bereuen.“

Wenn man dem unglücklichen Premier eines zugutehalten möchte, dann dies: Sein Machtinstinkt funktioniert noch. Tatsächlich könnte Burnham ihm gefährlich werden. Am Donnerstag kündigte der Bürgermeister von Greater Manchester an, sich um einen Platz im Parlament zu bewerben – der wäre Voraussetzung, um Premier werden zu können. Der noch amtierende Abgeordnete des Wahlkreises Makerfield hatte zuvor angekündigt, sein Mandat niederzulegen, verbunden mit einer eindringlichen Wahlempfehlung für Burnham.

Dessen Timing stimmt. Spätestens seit dem Rücktritt des Gesundheitsministers Wes Streeting, dem ebenfalls Ambitionen nachgesagt wurden, ist Starmer angezählt wie nie. Nun scheint Streeting ins Lager Burnhams überzuschwenken. „Wir brauchen unsere besten Spieler auf dem Platz. Es besteht kein Zweifel daran, dass Andy Burnham einer von ihnen ist“, erklärte er.

Bereits vor zehn Jahren hatte Burnham einen Anlauf unternommen, an die Parteispitze zu gelangen. Als er scheiterte, verließ er das Parlament und orientierte sich nordwärts. Der Umweg scheint sich nun auszuzahlen. Seit Monaten gilt Burnham als Liebling des moderat-linken Parteiflügels. In Manchester hat er sich den Ruf eines bodenständigen Machers erworben, auch wenn sein Spitzname „König des Nordens“ eher feudal anmutet. Im Gegensatz zu Starmer, dem das Mitreißende weitgehend fehlt, wird Burnham als mutiger Visionär gesehen. Beim Parteitag im September 2025 – schon damals stand Starmer in der Kritik – war der Bürgermeister der heimliche Star.

Auf dem Weg von Manchester nach London hat Burnham eine erste Hürde schon genommen: Das zuständige Gremium der Labour-Partei hat ihn am Freitag als Kandidat für die Nachwahl zugelassen. Nun müsste er die Wahl – die wohl nicht vor Mitte Juni stattfinden wird – noch gewinnen. Ein Selbstläufer dürfte das nicht werden: In Makerfield schnitt bei der vergangenen Wahl 2024 auch die rechtspopulistische Partei Reform UK stark ab – ein riskantes Spiel also.

Burnham die Kandidatur erneut zu verweigern, wäre kein kluger Schachzug gewesen. Schließlich hatten viele seine Rückkehr nach Westminster gefordert – und den Groll weiterer Abgeordneter auf sich zu ziehen, kann sich Starmer nicht leisten. Er weiß das nur zu gut.MIT DPA

Artikel 8 von 11