WIE ICH ES SEHE

Gipfeltreffen sind gut und gefährlich

von Redaktion

Man meint immer, wenn mächtige Herrscher miteinander reden, dann kommen sie sich näher und das kann nur gut sein. Die Geschichte aber kennt genügend Beispiele, wo es ganz anders war, weil der eine der Herrscher im anderen vor allem seine schwachen Seiten erkannt zu haben meinte. So war es, als im Juli 1807 Napoleon und der russische Zar Alexander I. einander begegneten auf einem prunkvoll geschmückten Floß auf der Memel. Napoleon wollte den jungen Zaren persönlich für sich gewinnen – mit Charme, Machtbewusstsein und dem Angebot einer gemeinsamen Vorherrschaft in Europa. Alexander war von Napoleons Persönlichkeit und militärischem Erfolg zunächst tatsächlich sehr beeindruckt. Zeitgenossen berichten sogar von beinahe freundschaftlicher Bewunderung zwischen den beiden. Schon 1812 aber zerbrach das Verhältnis völlig. Napoleon führte seinen Russland-Feldzug – eine Katastrophe für Frankreich.

Ebenso kommt jetzt Präsident Trump aus Peking zurück mit Lobpreisungen über den neuen „Freund“, den er in dem chinesischen Führer Xi Jinping gefunden habe. Schon gleich am ersten Tag begrüßte er seinen Gastgeber mit den Worten „Sie sind ein großer Führer“ und er bewundere die „kraftvolle“ Kontrolle über einen Staat von 1,4 Milliarden Menschen. Diese Äußerung klingt befremdlich aus dem Munde eines Präsidenten des Landes, das vor genau 250 Jahren im Geiste der persönlichen Freiheit seiner Bürger gegründet wurde. Die Herrschaft der elitären kommunistischen Parteiführer über 1,4 Milliarden Chinesen dagegen beruht auf extremer Unfreiheit und Kontrolle bis in den persönlichsten Bereich.

Der chinesische Führer verzichtete Trump gegenüber nicht auf Höflichkeiten, zog aber gleich eine rote Linie mit dem Hinweis auf Chinas langfristig angelegte Bemühungen, die Kontrolle über Taiwan zu gewinnen.

Der Chinese blieb auch bei seinem häufig zu hörenden Preisen von Gelegenheiten, die es in unserer Zeit gebe, wie sie in vielen Jahrzehnten nicht möglich waren. Vermutlich ist damit gemeint, die von den USA nach dem Krieg geschaffene westliche Weltordnung grundlegend zu verändern. Präsident Xi sieht sich inzwischen auf Augenhöhe mit den USA in einem Wettbewerb, der aber auf keinen Fall in die sogenannte „Thukydides“-Falle auslaufen dürfe, den Krieg zwischen der etablierten Macht (Athen) mit der aufsteigenden Nation (Sparta), die der griechische Historiker geschildert hat.

Die gemeinsamen Interessen zwischen China und den Vereinigten Staaten seien größer als ihre Differenzen. Eine dauernde Stabilität sei ein Geschenk für die Welt. Wenn sie aber nicht sorgfältig gepflegt werde, könne eine extrem gefährliche Situation gegeneinander entstehen.

Ob Xi mit seinem Einfluss auf den Iran bereit ist, Trump in diesem Konflikt wirklich zu helfen, war nicht herauszuhören. Noch weniger, welchen Preis Xi dafür verlangen könnte? In Kürze schon wird der russische Präsident in Peking eintreffen. Die beiden Autokraten werden sich abstimmen, welche Konsequenzen aus der vermuteten westlichen Führungsschwäche sie für ihre Sache ziehen wollen.

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