Deutschland, das Land der Dachdecker

von Redaktion

Rentenbeginn nach 45 Beitragsjahren

Auf den ersten Blick klingt der Vorschlag herrlich gerecht, die Rente an die Beitragsjahre zu koppeln. Sprich: Wer früher einzahlt, darf auch früher in Rente gehen. Doch schon auf den zweiten Blick sollten die Entscheidungsträger der schwarz-roten Koalition stutzig werden. Und je länger man nachdenkt, desto mehr Fragezeichen entstehen.

Da wäre zum einen die Frage, wer davon profitiert. Am ehesten Kinderlose oder diejenigen Männer, die sich nicht mit Erziehungszeiten „aufhalten“. Verlieren würden Menschen mit unterbrochener Erwerbsbiografie, durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Oder aber eben durch Kinder. In größeren Familien sind es noch immer meist Mütter, die längere Arbeitspausen haben. Legt man für sie 45 oder gar 47 Beitragsjahre zugrunde, tritt die abschlagsfreie Rente weit jenseits der 70 ein. Irritierend, wie wenig das bislang in der Debatte thematisiert wird.

Tatsächlich sieht die Realität des Arbeitslebens doch längst völlig anders aus: Die Biografien, in denen man mit 20 in eine Firma eintritt und im Alter von (aktuell) 66 Jahren und vier Monaten mit einer Urkunde und einem Blumenstrauß verabschiedet wird, gehören längst der Vergangenheit an. Die Brüche durch externe Faktoren (Pandemie, Kriege, Künstliche Intelligenz) nehmen zu. Arbeitnehmer verlieren ihren Job, müssen umschulen, sich weiterbilden. Soll künftig bestraft werden, wer mit 30 noch einen Master macht? Ungeklärt scheint auch die Frage aller Fragen: Ist ein Beitragsjahr mit einer Zwei-Tage-Woche genauso viel wert wie ein Beitragsjahr mit einer Fünf-Tage-Woche?

Zur Erinnerung: Beitragsjahre waren schon immer Teil der Rentenberechnung. Die Zahl der Gesamtjahre rückte erst in den Mittelpunkt, als mit der Rente mit 63 ein Zugeständnis für alle langjährig Versicherten eingeführt wurde. Wer sie nun zur Grundlage erhebt, macht ein ganz großes Fass auf. Die Frage: Lohnt es sich im Land der Ingenieure noch, Kraft und Energie in höheren Schulabschluss und Studium zu stecken? Gerade jetzt, wo die KI viele Arbeitsplätze zu ersetzen droht. Vielleicht sollten wir doch besser zum Land der Dachdecker werden?

Zugegeben: Das ist überspitzt. Aber es sind Fragen, die man gründlich klären sollte, bevor man nächtens im Koalitionsausschuss so weitreichende Entscheidungen trifft.

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