Schlimmer geht‘s immer, lernte die Nach-Ampel-FDP. Alle paar Monate flog sie aus dem nächsten Parlament: Bund, Länder, viele Länder. Noch giftiger als Häme war dann, als keiner mehr über die Liberalen sprach. Niederlagen allein sind nicht tödlich für Parteien, sondern der Prozess, vergessen zu werden. Das geschieht schnell, denn wer in fast keinem Parlament mehr für oder gegen irgendwas stimmen kann, muss eine noch höhere Schwelle überwinden, um Teil der öffentlichen Debatte zu bleiben. Das ist umso schwerer, wenn gleichzeitig die Parteikasse verdörrt, weil Gelder aus der Parteienfinanzierung versiegen (und indirekt die Mandatsträgerabgaben).
Im Polit- und Mediensystem ist Aufmerksamkeit das wichtigste (und einzige) Gut, das sich die FDP vorerst zurückerkämpfen kann. Dafür ist tatsächlich ein medienaffiner Lautsprecher wie Wolfgang Kubicki eine schlüssige Wahl. Man mag ihn schrill finden, in mancher Position gestrig, doch seine Kommunikationsgabe und auch der liberal-konservative wie wirtschaftsliberale Kompass passen zur Herausforderung. Wenn‘s gut läuft für ihn, greift er Protestpotenzial ab im Merz-Lager und ganz rechts.
Schnell gehen wird‘s nicht. Auf den neuen Parteichef warten schon zwei bis drei Ost-Landtagswahl-Klatschen im Herbst. Vielleicht folgen, gerade von den Berliner Miesmachermedien, schnell die ersten Abgesänge. Vorerst aber gilt: Kubicki (74) zum neuen Chef zu küren, daraus spricht ein Mix aus Verzweiflung und Überlebensmut. Nicht die schlechteste Kombination für eine totgesagte Partei.