Ringen um den Renteneintritt

von Redaktion

Im Alter noch aufs Dach? Handwerker wie Dachdecker müssen häufig früher in den Ruhestand. © Kneffel/dpa

München – 1993 kaufte Jens Südekum für 100 Mark einen Bass und brachte sich das Spielen in seinem Keller selbst bei. Als Musiker in mehreren Bands finanzierte er sein VWL-Studium an der Universität Göttingen. Heute zählt der 50-Jährige zu den prominentesten Ökonomen des Landes. Als persönlicher wirtschaftspolitischer Berater von Finanzminister (und Gitarrist) Lars Klingbeil (SPD) nimmt er Einfluss auf die Bundespolitik. Dabei kommt ihm vielleicht eine Eigenschaft zugute, die alle guten Bassisten teilen: Sie drängen sich nicht in den Vordergrund – und prägen dennoch den Klang.

So ist Südekum etwas gelungen, mit dem sich nur wenige im politischen Berlin brüsten können: Sein Vorschlag für eine Rentenreform stößt parteiübergreifend auf Zustimmung – von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bis zu Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD). Die Idee lautet: Nicht das Alter, sondern die Zahl der Beitragsjahre soll künftig über den Renteneintritt entscheiden. 45 oder sogar 47 Jahre sind als Schwelle für einen abschlagsfreien Rentenbeginn im Gespräch.

Was die Koalitionäre wohl überzeugt, ist die klare Logik des Vorschlags. Handwerker oder Facharbeiter, die früh zu arbeiten beginnen, dürfen auch früher aufhören. Akademiker, die meist erst ab Mitte 20 Rentenbeiträge zahlen, dürfen sich erst später in den Ruhestand verabschieden.

Doch so gerecht die Idee klingt, so komplex würde sich die Umsetzung gestalten. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt: Den Renteneintritt an die Beitragsjahre zu koppeln, würde nicht nur Akademiker treffen, sondern auch „Personen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien“ – etwa Frauen mit Kindern. Die Wirtschaftsexperten analysierten dafür den Geburtenjahrgang 1957. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass nach enger Definition (siehe Kasten) lediglich 40 Prozent der Versicherten die Schwelle von 45 Beitragsjahren erreichen würden.

Profitieren würden demnach besonders männliche Facharbeiter. Sie könnten deutlich früher aufhören zu arbeiten: „Ein abschlagsfreier Renteneintritt wäre beispielsweise bei einem Eintritt mit 16 Jahren schon ab 61 Jahren möglich – was heute ausgeschlossen ist.“ Nach Einschätzung der DIW-Experten setzt dieses Modell jedoch Fehlanreize. Es verenge den Blick zu stark auf eine ununterbrochene Erwerbsbiografie, während Phasen der Weiterbildung oder Umschulung an Attraktivität verlieren könnten. „Solche Unterbrechungen werden jedoch gerade für ein länger werdendes Arbeitsleben und in einem sich zunehmend schneller wandelnden Arbeitsmarkt immer bedeutsamer.“

Jochen Pimpertz, Rentenexperte vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), kritisiert, Südekums Vorschlag löse „keines der drängenden Rentenprobleme“. Das bestehende System honoriere lange Erwerbsbiografien bereits. Angesichts des demografischen Wandels und der einhergehenden Finanzierungslücke brauche es also eine alternative Lösung: „Statt sich an immer komplizierteren Stellschrauben zu versuchen, müsste die Politik endlich benennen, wofür es keine Wahl mehr gibt: später in Rente für alle – oder niedrigere Bezüge.“

Von Forderungen nach einer „Rente mit 70“ hält Südekum wenig. „Da müssten wir Leuten sagen, die heute schon auf 45 Jahre oder mehr Arbeitsjahre kommen: Du machst jetzt bitteschön noch mal drei Jahre länger – wohl wissend, dass ihre Lebenserwartung geringer ist“, sagt er dem „Spiegel“. Auf die Kritik geht er bislang aber nicht im Detail ein. „Die Rentenkommission wird ja bald ihre Vorschläge vorlegen. Ich selbst halte mich daher mit Details zu meinem Vorschlag eher zurück.“

Ein ausgearbeitetes Konzept will die Kommission Ende Juni vorlegen. Dann dürfte sich zeigen, ob der Ökonom, der die Politik meist aus dem Hintergrund prägt, bei der Rente den Ton angibt.

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