Ukraine: Kaution vom Ex-Nationaltrainer

von Redaktion

Lange an der Seite des Präsidenten: Wolodymyr Selenskyj und der damalige Kanzler Olaf Scholz unterschreiben eine Erklärung. Andrij Jermak (ganz links) ist nah dabei. © dpa

Kiew – Andrij Jermak ist auf freiem Fuß. Offenbar haben sich genügend Unterstützer gefunden, die der ehemaligen rechten Hand von Präsident Wolodymyr Selenskyj die notwendigen 2,72 Millionen Euro für die Kaution zur Verfügung stellten. Die ganze verworrene Geschichte über diesen Korruptionsfall ist damit um eine weitere Kuriosität reicher. Denn nach ukrainischen Medienberichten spendete ausgerechnet Serhij Rebrow, der ehemalige Trainer der ukrainischen Fußballnationalmannschaft, einen ganz wesentlichen Teil der Summe. „Ich kenne Andrij schon sehr lange, sogar bevor er Berater des Präsidenten wurde. Er ist ein sehr anständiger Mensch. Wir stehen recht häufig in Kontakt“, zitierte die „Kiew Post“ den ehemaligen Fußballprofi mit Verweis auf ein Youtube-Video. Jermak habe ihn einst als Cheftrainer in die Ukraine zurückgeholt. Rebrow war erst im April von diesem Posten entlassen worden.

Medien in Kiew zeigten gestern Aufnahmen, wie Jermak in einem Anzug gekleidet morgens das Untersuchungsgefängnis verließ. Er ist unter Auflagen frei und darf die Ukraine nicht verlassen. Erst in der vergangenen Woche hatte das Gericht eine 60-tägige Untersuchungshaft angeordnet. Zu den Auflagen gehört, dass Jermak eine elektronische Fessel tragen muss und keinen Kontakt zu anderen Beschuldigten in dem Strafverfahren haben darf.

Der 54-Jährige war bis zu seiner Entlassung im November die rechte Hand von Wolodymyr Selenskyj – und beteuert seine Unschuld. Er soll als Angehöriger einer organisierten kriminellen Gruppe an Geldwäsche von umgerechnet fast neun Millionen Euro im Zusammenhang mit einem Luxusbauprojekt in der Nähe Kiews beteiligt gewesen sein. Jermak weist das kategorisch zurück. Bei einer Verurteilung drohen ihm laut ukrainischen Medien acht bis zwölf Jahre Gefängnis.

Der Fall des nach Selenskyj einst zweitmächtigsten Mannes in Kiew erschüttert die Ukraine, die sich mitten im Krieg eigentlich keine innenpolitischen Querelen leisten kann. Selenskyj will das Land in die Europäische Union führen und hat nach einer Vielzahl von Finanzskandalen den westlichen Geldgebern einen kategorischen Kampf gegen die Korruption sowie Reformen zugesichert. Nach der Festnahme Jermaks hatte er sich aber nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Selenskyj und Jermak kennen sich aus ihrer Zeit vor der Politik, beide arbeiteten in der ukrainischen Medien- und Filmbranche zusammen. Jermak war Jurist und Produzent, während Selenskyj mit seiner Produktionsfirma Kvartal 95 bereits sehr bekannt war. Die Beziehung vertiefte sich ab Selenskyjs Wahl 2019. Er ernannte Jermak zunächst zum Berater, noch im gleichen Jahr dann zum Leiter des Präsidialamts. Fortan war Jermak maßgeblich an den internationalen Verhandlungen für eine Beendigung des Krieges beteiligt.

Doch schon länger hielten sich in Kiew Gerüchte, er lasse sich in der Nähe von Kiew neben anderen eine Residenz mit 1000 Quadratmetern Wohnfläche bauen – in dem Villenviertel „Dynastia“ im Ort Kosyn. Die Korruptionsermittler der Behörde NABU werfen ihm vor, beim Bau von vier luxuriösen Wohnhäusern rund 8,9 Millionen Euro gewaschen zu haben. Eines der Häuser soll für Jermak vorgesehen gewesen sein, lautet der Vorwurf. Pikant: Das Geld soll aus Mitteln abgezweigt worden sein, die für die Sicherung der staatlichen Atomkraftwerke bereitgestellt wurden. Jermaks Anwalt Ihor Fomin warf dem Gericht bei den Anhörungen vorige Woche vor, nichts als Mutmaßungen zu präsentieren. Es gebe keine Beweise.

Und Selenskyj? Gerüchte, eines der Häuser in der Wohnanlage könnte ihm über Strohmänner selbst gehören, wurden dementiert. Der Präsident sei „nicht Gegenstand der Voruntersuchungen“, erklärte NABU-Chef Semen Krywonos. Trotzdem ist er geschwächt. Vor allem in der Verhandlungsposition zum EU-Beitritt.MM

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