Wüst auf der Überholspur

von Redaktion

Den Platz in der ersten Reihe traut sich auch Hendrik Wüst zu – nicht nur in Düsseldorf. © dpa

München – Die Beziehung zwischen Nordrhein-Westfalen und Schlesien ist stabil, aber bundespolitisch unspektakulär. Seit 25 Jahren unterhalten das Bundesland und die Woiwodschaft im Süden Polens eine Partnerschaft, es gibt Austausch auf allen Ebenen. Als Hendrik Wüst jüngst nach Schlesien reiste, war das Medieninteresse dennoch groß. Und das lag sicher nicht an den Herausforderungen in der Cybersicherheit, die auf der Agenda standen, oder aktuellen Fragen der Resilienz. Nicht mal an dem Besuch des Ministerpräsidenten in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Wüst (50) schärft sein bundespolitisches Profil schon länger. Als im Herbst 2024 die Union ihren Kanzlerkandidaten kürte, war klar, dass der nur Friedrich Merz heißen konnte. Wüst ließ es trotzdem so aussehen, als lasse er dem Parteichef den Vortritt. Verbunden mit dem Hinweis, auch er traue sich den Sprung zu. Irgendwann.

Keine zwei Jahre ist das her, doch aus der fernen Vision ist ein fast schon konkretes Szenario geworden. Während Merz‘ Beliebtheitswerte in den Keller rauschen und die Union hinter die AfD zurückfällt, steht Wüst in Düsseldorf grundsolide da. Trotz jüngster Verluste rangiert die CDU stabil über 30 Prozent. Und während die Koalition in Berlin sich in immer neue Konflikte verbeißt, arbeiten an Rhein und Ruhr Schwarz und Grün geräuschlos zusammen.

Der „Stern“ brachte Wüst gerade als „Einwechselkanzler“ ins Gespräch und verweist auf kommunikatives Geschick und einnehmendes Wesen. Dahinter steckt nicht nur der Gedanke, dass Merz zu wackeln beginnt. Sondern auch, dass es in der Union keinen anderen gäbe – auch nicht Markus Söder.

Für den kämen solche Gedanken zu einer schwierigen Zeit. In der CSU hält die Unruhe nach der unglücklichen Kommunalwahl an, gerade in diesen vermeintlich ruhigen Ferientagen. Parteivize Manfred Weber hat mit seinem „Pfingstbrief“ und sehr klarer Kritik am CSU-Kurs („Wohltaten“, „Zustimmung erkaufen“) viel Wirbel ausgelöst. Seine Forderung nach einem Sonderparteitag zu internationalen Fragen ist plakativ, findet im größten Verband Oberbayern zumindest vorsichtige Unterstützung.

Weber habe „sehr wichtige Gedankenanstöße geliefert“, sagt CSU-Bezirkschefin Ilse Aigner. Sie sei sich nicht sicher, ob es eines Sonderparteitags bedürfe. „Ganz sicher bin ich mir aber, dass die CSU einen Parteitag braucht, der sehr stark inhaltlich ausgerichtet ist und sich auch mit den Fragen auseinandersetzt, die Manfred Weber in seinem Brief aufgezählt hat“, sagt Aigner. Der nächste reguläre Parteitag findet am 23./24. Oktober in der Messe München statt. Vorher, im September, gehen die Landtagsabgeordneten in Banz in Klausur, auch unter ihnen rumort es.

Söder versucht seit Wochen, der wachsenden Kritik mit einem neuen, ernsthafteren Stil entgegenzutreten. Unter anderem verzichtet er auf seine populären Essens-Fotos im Internet, er tritt staatstragender auf. Der indirekte Vorwurf fehlender Tiefe und falscher Schwerpunkte in der Berliner Koalition kommt da ungelegen.

Bei einem Brüssel-Besuch im Frühjahr bemühte sich Söder zudem, das gespannte Verhältnis zu Weber, der in der Partei sehr beliebt ist, zu verbessern. Das Anliegen wurde im Pfingstbrief, auch wenn Söder darin nie direkt erwähnt wird, erkennbar nicht erwidert.

Hendrik Wüst kann sich aus all den Verstrickungen bequem heraushalten. Im April wird ein neuer Landtag gewählt, aktuell sieht es für Schwarz-Grün gut aus. Wüst will den Strukturwandel vorantreiben, sein Motto lautet „Von der Kohle zur KI.“ Söder hätte das nicht besser formulieren können.

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