Gnade für Merz, zumindest bis Sommer

von Redaktion

Debatte über den Kanzlertausch

Größer als die Lust am Fußball ist hierzulande nur die Lust an der nahenden Katastrophe. Kein Tag, ohne dass irgendein Verband oder Expertengremium Alarm schlägt, keine Woche ohne hochgejazzten Regierungszoff, kein Monat ohne bierernste Personaldebatte. Jetzt geht es also um den Kanzler. Er soll wahlweise die SPD schassen (Minderheitsregierung), dem NRW-Regenten Wüst Platz machen oder sich einfach gleich in die Flugbahn jener Patrone werfen, die dem Propheten Söder zufolge die allerletzte im Magazin der Demokratie ist. Herrjemine.

Es stimmt ja, im Moment läuft wenig rund und Merz, dessen Beliebtheitswerte beinahe auf FDP-Niveau liegen, würde das kaum abstreiten. Aber die öffentliche Debatte, oft gnadenlos und unerbittlich, trägt ihren Teil dazu bei.

Lassen wir mal kurz Gnade walten und schauen auf den Teil der Wahrheit, der oft ungesehen bleibt: Schwarz-Rot ist gerade ein Jahr im Amt und muss einen Reformstau bewältigen, der seinesgleichen sucht. Vieles ist schon in Bewegung (Verteidigung, Gesundheit, Migration, Digitalisierung) – dass sich Großbaustellen wie die Rente nicht von heute auf morgen beseitigen lassen, versteht sich von selbst. Auch wenn Merz den Druck durch allzu große Ankündigungen miterzeugte: Das Land täte gut daran, ihm und der Regierung mehr von jener Zeit zu geben, für die sie gewählt sind (vier Jahre!), statt Rettung in Personalwechseln zu suchen – oder bei der AfD. Die Ironie an der erwähnten Patronen-Metapher ist ja die: Söder wollte mit ihr die SPD unter Druck setzen, jetzt nutzt ihr fatalistischer Sound den Rechten.

Ja, Merz muss liefern und ja, es braucht von vielem mehr: mehr Mut, mehr Ehrlichkeit, wo möglich auch mehr Tempo. Aber Kanzlerdebatten, in denen bloß die naive Hoffnung auf eine Retterfigur steckt, nutzen nichts. Auch Wüst bräuchte Zeit, um das Land zu reformieren. Zumindest den Reformsommer gilt es abzuwarten, dann ist immer noch Zeit fürs Scherbengericht.

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