München – Mitten in den Pfingstferien glühen in der CSU die Handys. Die Aufregung in der Partei über den Brief von Parteivize Manfred Weber hält an. In einem an die eigenen Reihen gerichteten Schreiben hatte der Europapolitiker eine ernsthaftere und am Gemeinsinn orientierte Politik gefordert – und dabei nicht zu überlesene Spitzen gegen Parteichef Markus Söder gesetzt.
Söder selbst hält sich zurück. Eine Anfrage an den CSU-Chef bleibt unbeantwortet. Aus dem Umfeld des Ministerpräsidenten ist zu hören, man kenne den Brief nur aus der Zeitung.
Alexander Hoffmann hingegen findet deutliche Worte. „Ich nehme wahr, dass viele in der Partei diesen Brief als unglücklich empfunden haben“, sagt der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag unserer Zeitung. „Für den Erfolg der Hightech-Agenda Bayern werden wir heute aus anderen Ländern bewundert, sie war Vorbild für die Hightech-Agenda, die wir jetzt im Bund umsetzen“, lobt Hoffmann Söders Arbeit im Freistaat. Weber hatte geschrieben, es reiche nicht, allein eine Hightech-Agenda 2.0 aufzulegen. Anders als von Weber dargestellt sei auch „die Idee einer europäischen Armee“ auf unserem Parteitag „sehr wohl diskutiert“ worden, „aber mit deutlicher Mehrheit anders bewertet“, sagt Hoffmann. „Statt einer europäischen Armee setzen wir auf ein Zusammenwachsen der Armeen Europas, bei der wir Fähigkeiten teilen, um gemeinsam stärker zu werden.“ Wohl direkt an Weber richten sich die Sätze: „Die Delegierten erwarten, dass Europa seine Hausaufgaben macht und nicht immer neue Fragen an sich zieht. Anregungen sind immer willkommen, aber öffentliche Briefe, in denen einer den anderen erklärt, was in deren Bereich besser laufen sollte, bringen die CSU nicht voran.“
Auch der Chef der Landtags-CSU kann seinen Ärger kaum verbergen. „In unserer Fraktion haben einige sehr wenig Verständnis für diesen Brief“, sagt Klaus Holetschek unserer Zeitung. Die Menschen erwarteten lösungsorientierte Politik. „Gerade in Zeiten, wo wir vor großen Reformen stehen, nützen uns vermeintliche Parteianalysen aus der Ferne wenig.“
Der bayerische Wissenschaftsminister und Ex-CSU-Generalsekretär Markus Blume schießt ebenfalls gegen Weber. „Die CSU lässt sich aus der Brüsseler Ferne offensichtlich nicht wirklich verstehen“, sagt er unserer Zeitung. Bayern sei „nicht mit Stuhlkreisen groß geworden, sondern mit kraftvollen Zukunftsoffensiven“.
Doch nicht allen missfällt der Brief ausschließlich. Nachdem die oberbayerische CSU-Bezirksvorsitzende Ilse Aigner bereits vorsichtige Zustimmung signalisiert hat, erkennt auch der Parteinachwuchs zumindest in einzelnen Punkten wertvolle Ansätze. Er teile Webers Einschätzung, „dass wir als Volkspartei noch stärker gefordert sind, Brücken zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu bauen“, sagt der bayerische JU-Chef Manuel Knoll unserer Zeitung. „Als Antwort auf die Stigmatisierungen, mit denen extreme Parteien ihr Geschäftsmodell betreiben, müssen wir als Union vor allem integrativ wirken.“ Die Bürger bräuchten „ein Grundvertrauen, dass wir als CSU mit einem klaren Kurs sicher durch unruhige Gewässer steuern“.
Nach Revolution klingt auch das bisher nicht.SEBASTIAN HORSCH, CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER