Bayern im Team Kubicki: Martin Hagen (l.) und Susanne Seehofer. © Imago/dpa
München – Kürzlich erzählte Wolfgang Kubicki noch mal, warum ausgerechnet er die FDP retten will, und ein Teil der Antwort lautete: Friedrich Merz. Wochen zuvor hatte der Kanzler die Liberalen für tot erklärt, sie zu wählen, sei sinnlos. Tatsächlich war die Partei gerade wieder aus einem Landtag geflogen, Merz‘ Satz war böse, abwegig aber nicht. In Kubicki, sagt Kubicki, rumorte es. Er habe gedacht: „Du Eierarsch, dir werde ich das zeigen!“
Das hübsche Wort „Eierarsch“ hat seither eine kleine Karriere gemacht – Kubicki, inzwischen 74 Jahre alt, steht wohl noch eine bevor. Beim Parteitag stellt er sich am Samstag als Nachfolger des glücklosen Christian Dürr zur Wahl als FDP-Chef. Wobei Wahl es nicht ganz trifft. Henning Höne, klarer Gegenentwurf zum Provokateur aus dem Norden, zog nach kurzem Kampf als einziger Gegenkandidat zurück. Die Frage ist also nicht, wer gewinnt. Die Frage ist, ob Kubicki der FDP helfen kann.
Er ist zur letzten Hoffnung der Liberalen geworden. „Erfolg oder Bedeutungslosigkeit“, sagte Kubicki gerade, dazwischen gebe es nichts. Ähnlich schonungslos fällt die Problemanalyse aus. Die Leute wüssten längst nicht mehr, wofür seine Partei stehe. Außerdem sei sie seit dem Ampel-Ende völlig unsichtbar geworden. Beides will er ändern. Und wenn man ihm eines nicht vorwerfen kann, dann ist es Unsichtbarkeit.
Klar ist: Unter ihm dürfte die FDP ein schärferes Profil bekommen. Sie wird lauter, präsenter, womöglich auch ein wenig populistischer. Dass er die Meinungsfreiheit für bedroht hält, erzählt Kubicki bei jeder Gelegenheit. Auch an Tabus rütteln die Seinen bereits. Bayerns früherer FDP-Chef Martin Hagen, der Generalsekretär werden will, nannte die Brandmauer zur AfD gerade einen „Popanz“. Die Ausgrenzungs-Taktik sei gescheitert, es brauche einen anderen Umgang.
Hagen kennt die Aufs und Abs der FDP. 2018 führte er die Liberalen zurück in den Landtag, fünf Jahre später flogen sie wieder raus. Seit gut zwei Jahren ist er nun Geschäftsführer des Thinktanks R21, in dem man die Brandmauer seit Langem für kontraproduktiv hält. Der 44-Jährige fordert: harte inhaltliche Konfrontation, weniger Berührungsängste. Einem Antrag im Parlament nicht zuzustimmen, weil man mit der AfD stimmen könnte, sei „absurd“.
Geht die FDP also nach rechts? Manche in der Partei warnen davor. Für Liberale dürfe es „keine strategischen Spielräume gegenüber Rechtsextremen“ geben, sagte die EU-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Hagen und Kubicki meinen indes, das habe die Rechten erst groß gemacht. Eine Linie zieht der baldige Generalsekretär aber: „Für uns ist die AfD kein potenzieller Koalitionspartner“, sagte Hagen unserer Zeitung. So eine Zusammenarbeit könne er „zu 100 Prozent ausschließen“.
Hagens Rezept heißt: mehr Sichtbarkeit, inhaltlich klare Kontur. Er wolle „die Dosis Liberalismus erhöhen“ und den „Markenkern als Partei der Freiheit des Einzelnen“ wieder stärken. Die Einigkeit mit Kubicki ist hier groß, vom Naturell her sind der Norddeutsche und der Bayer aber sehr unterschiedlich. Der eine ein freies Radikal, der sich mit Organisation nicht aufhält; der andere strukturiert, kontrolliert. „Wir harmonieren gut“, sagt Hagen. „Wir ergänzen uns.“
Das müssen sie auch. Beiden bleibt nicht viel Zeit, um die Liberalen wieder auf die Beine zu bringen. Ziel: Binnen eines Jahres soll die Partei wieder über fünf Prozent liegen. Erste harte Hürde: die Wahlen im Osten, wo die FDP teils so schlecht dasteht, dass sie in Umfragen gar nicht mehr auftaucht. Hagen sieht trotzdem Chancen. „Ich glaube, dass wir in den Ost-Ländern, wo die Parteibindung nicht so groß ist, in kürzester Zeit einen Stimmungsumschwung hinbekommen können.“ Und: Die Parteizentrale wolle er „binnen 100 Tagen voll wahlkampffähig machen“. Schwarz-Rot könne jederzeit zerbrechen.
Umso geschlossener will die FDP am Wochenende auftreten. Es soll eine Wiedergeburt werden, eine mit sattem Bayern-Anteil. Neben Hagen will auch Susanne Seehofer, Tochter von Horst Seehofer, in den neuen Vorstand, als Beisitzerin. Außerdem die Mittelfränkin Katja Hessel. Alle geben sich optimistisch, was auch sonst? Fünf Prozent, das wird ja wohl zu machen sein. Und wenn nicht? Dann, sagt Kubicki, wisse er auch nicht weiter.