Das muss man erst einmal schaffen: Eine Partei, die in Umfragen teilweise nicht einmal mehr gesondert ausgewiesen wird und in den „Sonstigen“ verschwindet, dominiert tagelang die innenpolitischen Nachrichten. Es gibt eine überraschende Kampfkandidatur mit Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen, und abends folgen dann große Interviews vor Millionenpublikum. Wolfgang Kubicki hat schon am Tag seiner Wahl das erreicht, woran Vorgänger Christian Dürr über Monate komplett gescheitert war: der FDP auch in der außerparlamentarischen Opposition wieder Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Doch für Jubel ist es zu früh. Fehlende Aufmerksamkeit war nie das Hauptproblem der FDP. Sie flog aus dem Parlament, obwohl Christian Lindner omnipräsent war. Die entscheidende Frage lautete: Wofür steht die FDP überhaupt? Sie regierte mit den Grünen, lehnte aber deren Eingriffe in die Wirtschaft ab und stand in Migrationsfragen eher auf der Seite von Alexander Dobrindt. Bis heute weiß die FDP nicht, wie sie mit der AfD umgehen soll, deren Inhalte sie oft teilt, deren radikale Funktionäre sie aber verachtet. Diese inhaltliche Orientierungslosigkeit manifestierte sich auch am Samstag in den Debatten auf dem Parteitag. Und es steht zu befürchten, dass sich ein Typ wie Wolfgang Kubicki nicht damit aufhalten wird, die künftigen Positionen der FDP fein auszutarieren.
Das alles ist sehr bedauerlich. Denn eigentlich könnte das Land eine echte liberale Kraft dringend gebrauchen. Eine Partei, die Anpacker stärkt, die es mit John F. Kennedy halten: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ Eine Partei, die verhindert, dass der Staat zu allem und jedem Vorgaben macht. Eine Partei, die endlich Bürokratie, Steuerlast und den staatlichen Wasserkopf reduziert. Eine Partei, die einen Plan für Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz hat, die unser Leben revolutionieren.
Für diese Themen stehen weder Kubicki (74) noch Marie-Agnes Strack-Zimmermann (68). Ihr überraschender Machtkampf zeigt aber, wie gespalten selbst eine 3,5-Prozent-Partei sein kann. Dass Kubicki nach dem Parteitag noch tönt, er wolle nicht auf seine Kritiker zugehen, ist kein gutes Zeichen. Denn wer soll einer Partei folgen, die selbst nicht weiß, wohin sie will?MIKE.SCHIER@OVB.NET