München – In den 90er-Jahren steuerten Schweden und Deutschland bei der Rente auf dasselbe Problem zu. Der demografische Wandel warf seinen langen Schatten voraus: Immer weniger Beitragszahler würden für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Stockholm und Berlin ergriffen deshalb dieselbe Präventivmaßnahme: kapitalgedeckte Zusatzvorsorge. 1998 führte der schwedische Riksdag die Prämienrente ein. Deutschland folgte 2001 mit der Riester-Rente.
Danach trennen sich die Wege. Während die Riester-Rente ein Auslaufmodell ist, gilt Schweden bei der Altersvorsorge international als Vorzeigeland. Was kann sich die Bundesregierung abschauen?
Auf den ersten Blick ähneln sich die Systeme sogar. Sie basieren beide auf drei Säulen: gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge. Doch es gibt einen zentralen Unterschied: Während die schwedische Prämienrente einen verpflichtenden Teil der gesetzlichen Rente bildet, ist die Riester-Rente freiwillig und wird überwiegend über private Anbieter abgewickelt. Auch das Nachfolgermodell, das ab 2027 die Riester-Rente ablöst, wird daran nichts ändern. Die kapitalgedeckte Vorsorge bleibt in Deutschland freiwillig.
In Schweden hingegen zahlen alle Erwerbstätigen ein. Die meisten vertrauen dabei auf den staatlich verwalteten Standardfonds. Sechs der elf Millionen Schweden investieren ihr Geld in den sogenannten AP7. Und dafür gibt es einen gewichtigen Grund: Der AP7-Fonds erwirtschaftete zwischen 2000 und 2025 eine durchschnittliche jährliche Rendite von elf Prozent. Er ist jedoch nicht die einzige Option. Versicherte können aus einer Liste von über 400 qualitätsgeprüften Fonds auswählen. Erfolgt keine aktive Anlageentscheidung, kommen sie in den Staatsfonds AP7.
Im Vergleich zu den privaten Fonds glänzt der AP7 mit besonders niedrigen Gebühren: Sie betragen 0,05 Prozent. Auch in Deutschland soll es ab 2027 ein staatliches Standardprodukt geben. Dafür ist jedoch ein Kostendeckel von bis zu einem Prozent geplant. Die unterschiedlichen Gebühren beeinflussen maßgeblich das Endvermögen. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) nennt ein Beispiel: Wer monatlich 100 Euro spart und fünf Prozent Rendite erzielt, kommt bei einer Laufzeit von 40 Jahren und Kosten von 0,05 Prozent auf rund 145.800 Euro. Wird der Kostendeckel von einem Prozent hingegen ausgereizt, wären es lediglich 118.600 Euro – ein Unterschied von über 27.000 Euro.
In Schweden gilt – wie in Deutschland – ein Beitragssatz von 18,5 Prozent. 16 Prozent des Bruttogehalts fließen in die umlagefinanzierte gesetzliche Rente. Hinzu kommen 2,5 Prozent für die Prämienrente. Damit der Beitragssatz mit deren Einführung nicht steigen musste, lagerte Schweden 1998 zwei Leistungen aus der gesetzlichen Rente aus: die Erwerbsminderungs- und die Hinterbliebenenrenten. Diese werden seitdem steuerfinanziert.
Doch auch im vermeintlichen Rentnerparadies läuft nicht alles rund. „Alle sind vom schwedischen System begeistert, außer die Schweden selbst“, sagt DRV-Experte Christian Rieckhoff. So können Marktschwankungen zu Einbußen oder Nullrunden führen. Viele Schweden halten ihr System zudem für kompliziert.SOPHIA BELLIVEAU