Nur Zucker? Der ehemalige Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) traut der Homöopathie mehr zu. © Picture Alliance
München – Dass längere Briefe in der CSU selbst im digitalen Zeitalter noch Wirkung entfalten können, wird auch Thomas Goppel zuletzt aufgefallen sein. Vielleicht auch deshalb hat der altgediente Christsoziale diesen Weg gewählt, um sein Anliegen an einflussreiche Parteifreunde zu adressieren. In einem per E-Mail verschickten Schreiben richtet sich Goppel an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach und Landtagsfraktionschef Klaus Holetschek. Es geht um die von Bundesministerin Nina Warken (CDU) geplante Gesundheitsreform – und um Homöopathie.
„In Warkens Entwurf ist vorgesehen, für die Zukunft homöopathische Arzneimittel und Leistungen von der Leistungsliste der Gesundheitsversicherer zu streichen“, schreibt Goppel. In seinen Augen ist das ein Fehler, denn Goppel erkennt durchaus eine Berechtigung für homöopathische Ansätze. „Wer sich so behandeln lässt oder an einschlägigen Vorgaben orientiert, wenn es darum geht, insbesondere Vegetatives im Gesundheitswesen wieder ‚auf die Reihe‘ zu kriegen, der spart augenscheinlich nicht nur Geld, sondern auch einige Nebenwirkung – auch für das Gesundheitssystem insgesamt“, schreibt der ehemalige bayerische Wissenschaftsminister und verweist dabei auch auf das „Terminkarussell“. Zudem schreibt Goppel: „Die großen Ausgaben im Gesundheitswesen werden davon nicht berührt sein.“
Das Sparpotenzial ist tatsächlich gering. In der Spalte „Finanzwirkung bis 2030“ ist im Bericht der für Reformvorschläge verantwortlichen Finanzkommission der Eintrag 0,0 Mrd. Euro zu lesen.Um nur rund 50 Millionen Euro soll es insgesamt gehen.Bei einem gleichzeitig prognostizierten Finanzloch in der Gesetzlichen Krankenversicherung von über 40 Milliarden Euro jährlich im Jahr 2030, das mit den Einsparungen geschlossen werden soll, ist das Pipifax.
Doch es geht um mehr. Kritiker betonen, dass es bis heute für Homöopathie keinen Wirkungsnachweis in hochwertigen klinischen Untersuchungen gebe, der über den Placeboeffekt hinausgeht. Ihre Grundannahmen seien zudem nicht vereinbar mit gesichertem Wissen in Physik, Chemie und Biologie. Gefahren entstünden unter anderem dadurch, dass durch das Vertrauen auf homöopathische Ansätze wirksame Therapien verzögert werden könnten. Zudem könnten gerade Kinder durch den schnellen Griff zu Globuli eine Medikamentenaffinität entwickeln, wird oft angeführt.
Wie verhärtet die Fronten sind, hat auch die CSU schon zu spüren bekommen. Als die Landtagsfraktion 2019 untersuchen lassen wollte, ob durch homöopathische Mittel der Einsatz von Antibiotika reduziert werden kann, um die Bildung multiresistenter Keime einzudämmen, gab es bundesweite Aufmerksamkeit – und viel Spott in Sozialen Medien.
Bernhard Seidenath, gesundheitspolitischer Sprecher der CSU-Fraktion, war damals ein Vorkämpfer für das letztlich mithilfe der Freien Wähler und großer Teile der Grünen beschlossene Vorhaben. Auch heute sagt er unserer Zeitung: „Ich sehe das genauso wie Thomas Goppel.“ Er habe sich in Berlin auch dafür eingesetzt, diesen Teil der Reform zu überdenken, habe aber nicht das Gefühl, durchgedrungen zu sein. „Da wird man schief angeschaut.“ Auch die Bundesregierung dürfte es wohl als schwer vermittelbar ansehen, an empfindlichen Stellen im Gesundheitswesen zu sparen, aber die umstrittene Homöopathie unberührt zu lassen.
Seidenath glaubt hingegen, dass die Kosten für die Krankenkassen durch ein Verbot, Homöopathie zu übernehmen, sogar steigen könnten. Denn die „schulmedizinischen Präparate“, auf die homöopathieaffine Patienten umsteigen können, um eigene Kosten zu verhindern, seien teurer.