Posselt (70): Ein Versöhner ohne Frust

von Redaktion

Brückenbauer: Bernd Posselt beim historischen Pfingsttreffen in Brünn. © Martin Divisek/EPA

München – Vor ein paar Jahren sinnierte Bernd Posselt mal drüber, warum er eigentlich nicht aufhört mit der Arbeit, nie. „Wenn ich den ganzen Tag unter der Palme sitzen würde, würde ich exakt so viel verdienen wie jetzt. Aber sterben vor Langeweile. Ich würde explodieren.“ Nein, man kann sich Posselt nicht unter der Palme vorstellen. Auch jetzt nicht, wo er am Donnerstag 70 wird.

Der leidenschaftliche Münchner Europapolitiker ist in jeder Hinsicht eine Ausnahme-Erscheinung in einem Berufsfeld, in dem Glattgeschniegelte ihre Polit-Karrieren von Einstieg, Aufstieg bis Ausstieg zu planen versuchen. Posselt machte Karriere, schon: 1978 bis 1994 war er engster Mitarbeiter des österreichischen Kaisersohns Otto von Habsburg, fortan 20 Jahre selbst im Europäischen Parlament. Dann aber stieg er einfach nicht aus. Als seine Wiederwahl ab 2014 nicht mehr klappte, reiste er einfach auf eigene Kosten weiterhin per Zug zu den Sitzungen des Parlaments in Straßburg. Trat dort auf. Sprach. Netzwerkte für sein großes Ziel eines vereinten Europas als Bundesstaat mit gemeinschaftlicher Außen- und Verteidigungspolitik, als oberster Anti-Nationalist des Kontinents.

„Ich bin der erste ehrenamtliche Europaabgeordnete“, sagte er unserer Zeitung damals fröhlich, mitnichten geknickt. Durch einen Text unserer Redaktion wurden damals Medien aus ganz Europa auf Posselt aufmerksam, porträtierten den Sohn eines Sudetendeutschen und einer Steirerin staunend. Der „Unabwählbare“, der „Unangepasste“, das waren so Zuschreibungen, und selten fehlte der Hinweis, dass Posselt bis heute kein Handy hat.

„Bernd bleibt“, titelte die Zeit. Was auch bleibt, sogar wächst, ist sein Einsatz als Versöhner. Für die Sudetendeutschen als Bundesvorsitzender und oberster Repräsentant trieb er die historische Aussöhnung mit Tschechien voran. Unter seiner Führung und gegen Widerstände gab man die jahrzehntealte Forderung nach der „Wiedergewinnung der Heimat“ und nach „Rückgabe des konfiszierten Eigentums“ auf – Grundlage für die Annäherung. Vor zehn Tagen gelang Posselt etwas früher Undenkbares: die Ausrichtung des Sudetendeutschen Tages in Brünn in der Tschechischen Republik. Keine leichte Sache: draußen Gegendemos, aber drinnen Lob für ihn und seine Leute als „Brückenbauer“.

Was kommt da noch? Eine erneute aussichtsreiche EU-Kandidatur Posselts 2029 ist in der CSU-Europagruppe unwahrscheinlich, da steht eh ein Generationenwechsel an. Na und? Das Parlament ist vielleicht fern, aber die Palme ferner.CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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