München – Es wird einer der Mega-Börsengänge des Jahres: Die KI-Firma Anthropic, schärfster Rivale des ChatGPT-Entwicklers OpenAI, strebt an die Finanzmärkte. Das Geschäft boomt, der Hype ist riesig. Umso bemerkenswerter ist der Vorstoß, den das Unternehmen am Freitag unternahm: eine Pause bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz: „Wir glauben, dass es gut für die Welt wäre, die Option zu haben, die Entwicklung besonders fortgeschrittener Modelle zu verlangsamen oder zu pausieren.“ Ziel wäre es, in dieser Zeit gesellschaftliche Strukturen anzupassen sowie Forschung voranzutreiben, die sicherstellen soll, dass KI im Interesse der Menschen agiert.
Doch ein weltweiter Forschungsstopp scheint außer Reichweite. Im Gegenteil: Es läuft ein Wettrennen, wer vom Kuchen am meisten abbekommt – zwischen Unternehmen, aber auch Ländern. In den USA unterzeichnete Trump in dieser Woche ein Dekret, das Tech-Konzerne zur „freiwilligen Zusammenarbeit“ mit der Regierung aufruft. Von OpenAI oder Google wird erwartet, der US-Regierung neue KI-Modelle 30 Tage vor Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen. Offenbar will die Regierung mögliche Vorteile für sich prüfen. Es gehe jedenfalls nicht um die „Einführung einer verpflichtenden behördlichen Lizenz, Vorabgenehmigung oder Zulassung neuer KI-Modelle“, heißt es in dem Dekret.
Noch deutlicher wird man in Argentinien. Dessen ultraliberaler Präsident Javier Milei will das südamerikanische Land zum Zentrum der KI-Industrie machen, wie er in einem Gastbeitrag für die „Financial Times“ klarmachte. „Zu lange hat Argentinien ein Labyrinth aus Beschränkungen errichtet, das eine der einst wohlhabendsten Nationen der Welt in relative Armut stürzte“, schrieb er. „Glücklicherweise ändern wir das.“ Man wolle KI-Unternehmen „das attraktivste rechtliche und fiskalische Umfeld“ bieten, Buenos Aires solle KI-Hauptstadt werden.
Damit wird der Grat für die Europäische Union immer schmaler, von der Boombranche zu profitieren und ihr zugleich Regeln zu verpassen. Einen größeren Rahmen lieferte der „AI Act“, der seit Februar 2025 KI-Systeme verbietet, die „unannehmbare Risiken“ für die Sicherheit, Gesundheit oder Grundrechte darstellen. Konkret: Untersagt ist eine Bewertung nach sozialem Verhalten (wie in China), Emotionserkennung am Arbeitsplatz oder Gesichtserkennung im öffentlichen Raum (außer für die Polizei). Im Mai 2026 einigten sich EU-Vertreter auf ein Verbot von KI zum Erstellen von sexualisierten Deepfakes.
Auch Diktaturen fördern die KI – allerdings mit ganz anderen Zielen. China zum Beispiel: Datenschutz gibt es nicht. Schon seit Jahren setzen Flughäfen beim Einchecken Gesichtserkennung ein. Man tritt am Terminal einfach an einen Bildschirm und bekommt umgehend Gate und Abflugzeit mitgeteilt. Eine andere Software erkennt Menschen am Gang.
Chancen und Risiken scheinen bei Künstlicher Intelligenz keine Grenzen gesetzt. Doch in der politischen Debatte spielt das bisher kaum eine Rolle. Es war ausgerechnet der Papst, der das Thema jüngst in den Mittelpunkt rückte. Bei der Präsentation seiner Enzyklika war KI-Entwickler und Milliardär Chris Olah dabei. Der Mitbegründer von Anthropic.MIK