Brücken haben in Deutschland eine über den praktischen Gebrauch hinausgehende tief emotionale Bedeutung. Sie stehen für das Leben überhaupt, wie in dem schönen Volkslied: „Es führt über den Main eine Brücke von Stein…“ Hölderlin hat die alte Heidelberger Brücke über den Neckar besungen, „die von Wagen und Menschen tönt“.
Dass aber die Erneuerung der Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid rund vier Jahre gedauert hat, wirft ein bedenkliches Licht auf unser heutiges Land. Und jetzt ist auch die Nordbrücke Bonn über den Rhein komplett gesperrt. Sie soll so angeschlagen sein, dass Reparaturen ihre Lebensdauer nicht mehr nennenswert verlängern könnten. Die regionale Wirtschaft spricht schon von einer „Katastrophen-Meldung“. Der nächste „Stau-Hotspot“ über Jahre sei damit programmiert.
Da sollte man meinen, dass wenigstens Fußgängerbrücken auch im heutigen „Schneckentempo“-Deutschland zügig und kostengünstig errichtet werden können. Sie haben ja hierzulande eine große Tradition, allen voran der „Eiserne Steg“ über den Main in Frankfurt. Er verbindet Sachsenhausen mit der Altstadt dort. In München aber geht das schon lange angepriesene Projekt eines Fußgängersteges über die Gleise des Hauptbahnhofes über Jahre nicht voran. Bereits 2019 bekam die Deutsche Bahn dazu einen Förderbescheid des Freistaates. Nun endlich werden dazu die „Planungsleistungen 1. und 2.“ ausgeschrieben. Das beinhaltet aber keineswegs die Bauplanung für die Brücke, sondern lediglich eine „Grundlagenermittlung“ und „Vorplanung“. Und weil ja in Deutschland alles superperfekt sein muss, soll es zu jedem Bahnsteig von der Brücke Rolltreppen und 15 (!) Aufzüge geben.
Diese Vorplanung soll im September 2028 vorliegen, also weitere zwei Jahre werden vergehen, bis die eigentliche Planung beginnen kann. Dazu wird als weitere Kompliziertheit schon jetzt darauf hingewiesen, dass der Steg „in unmittelbarer Nähe zur denkmalgeschützten Gleishalle“ liegen wird. Er müsse sich daher „hinsichtlich Maßstäblichkeit, Transparenz und Materialwahl respektvoll in das Ensemble einfügen“. Man ahnt es schon, die Brücke wird furchtbar teuer und ihre Fertigstellung liegt fern im Nebel der Zukunft.
Dabei hätte sich die Deutsche Bahn einfach ein Beispiel nehmen können an dem Bau des sogenannten Negrellistegs am Züricher Hauptbahnhof. Die Bauzeit betrug noch nicht einmal zwei Jahre. Gekostet hat der Steg überschaubare 11 Millionen Franken. Für die Anwohner von Zürich ist er ein Glücksfall. Bürger, wie verliebte Paare, pilgern dorthin in der Abendsonne, wo man sich bequem hinsetzen und Liebesschlösser hoch über den Gleisen anbringen kann.
Merke: Der 1945 kriegszerstörte „Eiserne Steg“ in Frankfurt war schon 1946 wieder komplett hergestellt. Das moderne Deutschland aber scheitert an Umwelt- und Denkmalauflagen und daran, dass alles bei uns superperfekt sein muss, mit Rolltreppen und Fahrstühlen, die man für eine Gleisüberquerung zu Fuß gar nicht braucht. Einfache, praktische und bezahlbare Lösungen gibt es nicht mehr. Die können wir dann in der Schweiz besichtigen.
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