„Haltung, Leidenschaft, Engagement“: Bezirkstagspräsident Henry Schramm (CSU) ehrte den AfD-Mann. © dpa
Bayreuth/Bamberg – Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagt es immer wieder deutlich: Die AfD sei für die CSU kein Wettbewerber, sondern „der Systemfeind“. Die Brandmauer stehe – und zwar auf allen politischen Ebenen: Europa, Bund, Land und Kommunen. Doch scheint die Botschaft des CSU-Chefs nicht überall in der Partei gehört zu werden. In Oberfranken haben CSU-Politiker jene viel diskutierte Mauer zumindest bei einer Gelegenheit eingerissen.
Der Bezirk Oberfranken ehrt jedes Jahr Persönlichkeiten für ihre Leistungen zum Wohle der Allgemeinheit mit der Ehrenmedaille des Bezirks. Am 28. Mai wurde die silberne Ehrenmedaille einem AfD-Politiker zuteil: Michael Genniges, ehemaliger Buchhändler aus Scheßlitz bei Bamberg. Eine Mehrheit im CSU-dominierten Bezirkstag hatte sich im November 2025 ausdrücklich hinter einen Antrag der AfD-Fraktion gestellt, auch Bezirkstagspräsident Henry Schramm (CSU). Er überreichte Genniges bei einem Festakt auf Schloss Thurnau feierlich die Medaille.
Die Ehrungen würden Menschen zuteil, die Oberfranken „seit Jahren mit Haltung, Leidenschaft und außergewöhnlichem Engagement prägen“, heißt es in einem Facebook-Eintrag des Bezirks. Genniges sei „als Buchhändler, Veranstalter und Mitinitiator des Bamberger Literaturfestivals zu einem wichtigen Impulsgeber für Literatur, Dialog und gesellschaftlichen Zusammenhalt“ geworden. Zu seiner Tätigkeit in der AfD, für die er seit 2020 im Bamberger Kreistag saß: kein Wort.
Während die CSU-Landesleitung auch mehr als einen Monat nach der Verleihung der Medaillen und mehr als ein halbes Jahr nach der fraglichen Bezirkstagsentscheidung weiter beteuert, das Abstimmungsverhalten ihrer Bezirksräte nicht zu kennen, jubiliert man bei der AfD. „Ich jedenfalls finde es gut, dass in dieser Frage die Brandmauer letztlich nicht zum Tragen kam“, sagte Michael Genniges. Die Grünen, die mit ihren zwei Stimmen ebenso wie die SPD im Bezirkstag gegen die Personalie votiert hatten, halten das Ganze für einen Skandal. Die „völkisch-nationale AfD“ werde so normalisiert.
Auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) distanziert sich von der Ehrung. Genniges war bis 2021 deren Vorsitzender in Oberfranken – laut DIG habe er aber spätestens seit 2018 eine „eindeutige Entwicklung nach Rechtsaußen“ vollzogen. Die Ehrung, auch für sein Engagement gegen Antisemitismus, sei angesichts seiner Parteizugehörigkeit „widersprüchlich“ und „irreführend“. Die DIG hatte Genniges 2021 wegen seiner politischen Orientierung aus dem Amt gewählt.
Der Bezirk Oberfranken sieht dagegen keine Probleme. Es seien „keine Tatsachen bekannt, die einer Verleihung der Ehrenmedaille an Herrn Genniges formal entgegenstanden oder entgegenstehen würden“, heißt es.DPA