KOMMENTAR

Ein Gerichtshof unter Verdacht

von Redaktion

Nach zwei Jahren des Zauderns hat sich der Internationale Strafgerichtshof zu einer Entscheidung durchgerungen: Wegen des Verdachts auf sexuelle Übergriffe gegen eine Mitarbeiterin suspendierte er am Freitag seinen Chefankläger Karim Khan. Doch der Schritt kommt zu spät. Die Affäre um den Briten und der undurchsichtige Umgang damit haben das Ansehen der Behörde längst in Mitleidenschaft gezogen. Für den Gerichtshof, der sich größtenteils mit moralischer Integrität legitimiert, ist das eine Katastrophe.

Durchsetzungsfähigkeit attestierten der Behörde bereits vor der Khan-Kontroverse wohl nur die Wenigsten. Haftbefehle entfalten meist eher symbolische Wirkung. Als Wladimir Putin in die Mongolei reiste – ein Land, das den Gerichtshof anerkennt –, klickten nicht die Handschellen. Stattdessen rollte man ihm den roten Teppich aus. Der Gerichtshof mahnte enttäuscht. Mehr blieb ihm nicht übrig.

So fällt es leicht, die Behörde zu diskreditieren – und nun liefert sie einen weiteren Grund für Kritik: Das mutmaßliche Opfer warf Khan bereits 2024 Fehlverhalten vor. Eine Untersuchung läuft seit sechs Monaten – noch immer ohne Ergebnis. Wer sich der noblen Aufgabe annimmt, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verfolgen, sollte mögliche sexuelle Übergriffe durch den eigenen Chefankläger zügig und transparent aufklären.

Khan weist die Vorwürfe zurück, nennt sie eine Schmutzkampagne Israels. Die Aufklärung droht, zum politischen Spiel zu verkommen. Die 125 Vertragsstaaten, die über sein Schicksal entscheiden, sollten sich nicht darauf einlassen.SOPHIA.BELLIVEAU@OVB.NET

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