Union zu Gast bei Freunden: Markus Söder und Carsten Linnemann waren bei der Spargelfahrt des Seeheimer Kreises dabei. Rechts: Lars Klingbeil. © Markus Schreiber/dpa
Berlin – Irgendwas ist ja immer, seit Schwarz-Rot am Ruder ist. Insofern muss man sich gut überlegen, ob es angebracht ist, Begriffe wie „historisch“ für die Besonderheiten der jüngsten Spargelfahrt zu nutzen. Der traditionelle Bootsausflug des Seeheimer Kreises der SPD – im zweiten Jahr nicht auf dem Wannsee, sondern auf dem Tegeler See – hatte in diesem Jahr aber eine Außergewöhnlichkeit zu bieten. Namentlich: Markus Söder. Unter anderem.
Der Ministerpräsident aß Schnitzel, samt Kartoffeln und Spargel (natürlich weißen: „Denken Sie etwa, ich würde den grünen wählen?“). Ein CSU-Chef bei den SPD-Seeheimern – das hat es noch nicht gegeben. Weitere Unionspolitiker an Bord der „Havel Queen“: CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann und Außenminister Johann Wadephul. Das Signal nach allerhand medialen Abgesängen der letzten Zeit: Die Koalition steht. Der Zeitpunkt dafür war günstig, am Abend vor dem Treffen der Koalitionsspitzen mit den Sozialpartnern am Mittwoch. „Das ist ein starkes Zeichen“, kommentierte Vizekanzler Lars Klingbeil. „Wir stehen als Demokraten zusammen. Wir werden hart in der Sache ringen, aber wir wissen um die Verantwortung.“
Söder blies ins selbe Horn – nur ein bisschen lauter. Man dürfe sich jetzt nicht von der AfD anstecken lassen, so der CSU-Politiker. „Wir haben nicht automatisch Weimarer Verhältnisse, aber es ist manches ähnlich. Weimar ist gescheitert, weil die Demokraten zu müde waren. Und ich habe keinen Bock, Steigbügelhalter von denen zu werden, die uns im Kern stürzen wollen.“ Dafür gab‘s Applaus. Auch von Linnemann kamen wärmste Worte: „Chapeau, so eine starke Veranstaltung haben wir nicht“, setzte er an in Richtung der Gastgeber – und betonte: „Ich glaube an diese Koalition.“
Wenn doch der Glaube allein reichen würde, immerhin hatte die Koalition in den vergangenen Wochen zumindest in der Außenwahrnehmung ordentlich Federn gelassen. Da war die Nummer in der Villa Borsig, wo Kanzler Friedrich Merz Vize Lars Klingbeil angeschrien haben soll. Dazu offener Streit zwischen Klingbeil und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Und dann noch die Posse um den angeblichen Kanzlertausch Hendrik Wüst gegen Merz.
Den Koalitionären dürfte kurz vor der Sommerpause klar sein: Jetzt ist vielleicht die Zeit der letzten Chancen, das Ruder noch herumzureißen. Gestern Abend traf man sich mit Gewerkschaften und Arbeitgebern. Auch ohne konkrete Beschlüsse: „Die Erwartung ist schon, dass wir gemeinsam etwas hinbekommen“, sagte Lars Klingbeil am Dienstag. Die Weichen sollen gestellt werden für den nächsten Koalitionsausschuss (voraussichtlich) am 1. Juli. Die Arbeitgeberseite hatte bereits im Vorfeld einen für sie zentralen Punkt benannt, der bei den Gewerkschaften auf Widerstand stößt. Sie wenden sich dagegen, dass die Rente trotz des mauen Wirtschaftswachstums in den kommenden Jahren weiter steigen soll.
Bei der SPD gibt man sich dennoch hoffnungsfroh, lobt die professionelle Zusammenarbeit mit dem Koalitionspartner. Es sei ja alles gar nicht so schlimm, wie man bisweilen lese. Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius betonte per Videobotschaft (er war auf Dienstreise): „Es geht ums Brückenbauen.“ Dass die „Havel Queen“ auf ihrem Kurs nicht direkt an der Villa Borsig am Ufer des Tegeler Sees vorbei schipperte, war wahrscheinlich Zufall, vielleicht aber auch Zeichen. Schließlich hat es dort im April ordentlich gekracht.
Und als oben auf dem Deck der obligatorische Quetschkommodenspieler „Marmor, Stein und Eisen bricht“ anstimmte, schmetterten alle mit: „Aber unsere Liebe nicht!“ Da ist Söder aber schon nicht mehr an Bord.