Russlands Wirtschaft am Limit

von Redaktion

Der Schein trügt: Wladimir Putin beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg. © Lovetsky/dpa

Kiel – Die Diagnose ist drastisch, doch die dahinterstehenden Zahlen sind eindeutig. Russlands Wirtschaft befinde sich im „Endstadium“, heißt es im „Kiel Report“ des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und des Stockholmer Institute of Transition Economics. Mehr als vier Jahre nach Beginn der Invasion in der Ukraine gerate das Riesenreich ökonomisch an seine Grenzen. Deutlichstes Indiz: Moskau habe seine Geldreserven fast vollständig verbraucht.

„In den ersten Jahren des Krieges gegen die Ukraine hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten, doch nun sind die Reserven aufgebraucht“, sagte Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts (kleines Foto). Das Wachstum sei zum Stillstand gekommen, während die Abhängigkeit von China wachse. Höhere Ölpreise durch den Krieg am Golf dürften hingegen wohl nur vorübergehende Effekte haben.

So stellt der Bericht fest: Die liquiden Vermögenswerte des russischen Staatsfonds seien von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Kriegsbeginn auf nur noch 1,8 Prozent im April 2026 geschrumpft. Gleichzeitig habe das Defizit des Bundeshaushalts schon in den ersten drei Monaten das Ziel der Regierung für das komplette Jahr überschritten. Zugleich brachen die Öl- und Gaseinnahmen im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 45 Prozent ein. Dabei wirken sich auch die gezielten Drohnenangriffe der Ukraine auf die russische Energieinfrastruktur aus.

Die Herausforderungen sind laut dem Bericht nicht mehr nur finanzieller Natur. „Die grundlegende Einschränkung, mit der Russland heute konfrontiert ist, ist nicht der Zugang zu Geld, sondern der Zugang zu Arbeitskräften, Technologie und Produktionskapazitäten“, teilte Matthew Klein, Autor des Ökonomie-Blogs „The Overshoot“, mit. Doch weil Arbeitskräfte so knapp wie nie und Sanktionen in Kraft seien, wachse mit höheren Staatsausgaben das Inflationsrisiko, statt die militärische Leistungsfähigkeit Russlands zu steigern.

Zudem steigt laut dem Bericht Russlands Abhängigkeit von China. Das Land bestreite inzwischen rund 35 Prozent des gesamten russischen Außenhandels und liefere den überwiegenden Teil der kritischen Güter, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, sowie der militärisch relevanten Komponenten. Es trage zudem zu etwa drei Vierteln des Anstiegs russischer Importe von sanktionierten Militärkomponenten seit 2022 bei.

Der Bericht argumentiert, dass Russland sich China aus purer Not zuwende, nicht aus freiem Willen. Diese Entscheidung habe eine Abhängigkeit geschaffen, die Russlands Kriegswirtschaft zwar kurzfristig stützt, langfristig jedoch seine wirtschaftliche Unabhängigkeit und Verhandlungsstärke schwächt.

Die Autoren sehen in Russlands ökonomischer Verwundbarkeit eine Chance für den Westen, politisch wirksamer zu handeln. Besonders gelte das für Exporteinnahmen aus Öl und Gas. „Die Durchsetzung von Preisobergrenzen muss im Mittelpunkt der Sanktionspolitik stehen“, erklärte Torbjörn Becker, Direktor des Stockholm Institute. Dazu gehörten auch neue Bemühungen, Russlands Schattenflotte einzuschränken. Zudem schlagen die Autoren strengere Exportkontrollen vor.

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