Auch Arbeitnehmer wollen Flexibilität

von Redaktion

Debatte um Acht-Stunden-Tag

Im Spätherbst des Jahres 1918, Kaiser Wilhelm II. hatte gerade Berlin ins niederländische Exil verlassen, war der Acht-Stunden-Tag eine großartige Errungenschaft. Er verhinderte, dass die Arbeiterschaft in den Fabriken weiter ausgebeutet werden konnte. 108 Jahre später aber hat sich die Welt ein ganz klein wenig verändert. Erst recht die Arbeitswelt. Arbeitnehmer machen Homeoffice und Teilzeit, achten auf ihre Work-Life-Balance. Aber sie haben Calls mit Kollegen in Peking oder New York. Und wenn in Software-Firmen ein Release ansteht, wird auch mal die Nacht durchgearbeitet. Manche haben sogar mehrere Jobs, fahren spätabends noch für Uber oder Knuspr.

Insofern wirkt der Gesetzentwurf des Arbeitsministeriums von SPD-Chefin Bärbel Bas in vielen Branchen aus der Zeit gefallen. Als sei Deutschland noch immer ein Land der Fließbandarbeiter im Schichtbetrieb, von denen jeder gewerkschaftlich vertreten wird. Dabei hatte die Koalition fest vereinbart, statt der Tages- eine Wochenarbeitszeit einzuführen. Nun soll das nur für Firmen mit Tarifvertrag und elektronischer Zeiterfassung gelten. Das klingt, als hätten DGB und Verdi den Stift geführt. Und: Wollten wir nicht weniger Bürokratie statt mehr?

Es geht nicht darum, die Arbeitszeit zu erhöhen, sondern sie variabler zu gestalten. Natürlich muss man kontrollieren, dass es keinen Missbrauch gibt. Aber auch Arbeitnehmer wünschen sich Flexibilität, wenn am Dienstag das Kindergartenfest ansteht und am Freitagmorgen ein Zahnarzttermin. Dafür bleibt man am Mittwoch länger.

Die Union ist fassungslos über Bas. Auch weil der Streit ein unguter Auftakt für die Reformentscheidungen der nächsten Wochen ist. Die Wirtschaft taumelt schwierigen Zeiten entgegen. Im Hause Bas aber scheint man sich der Lage noch immer nicht bewusst. Wie die Band auf der Titanic, die über das Saxofonsolo diskutiert, während ihr das Wasser schon bis zum Bauch reicht. So wird das nichts!

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