Ein Mensch ist erst dann wirklich vergessen, wenn niemand mehr seinen Namen nennt oder sich an ihn erinnert. Dafür finden sich in unseren Tageszeitungen neben den aktuellen Traueranzeigen auch Gedenkanzeigen. In der christlichen Tradition ist es dazu üblich, für die Seelen der Verstorbenen in einem Requiem zu beten, nicht nur direkt nach dem Tod, sondern ebenso zu den Jahrestagen ihres Hinscheidens. In dieser Woche las ich eine Gedenkanzeige zum 50. (!) Todestag einer jung verstorbenen Mutter.
So ein Gedenken hat etwas von der Pietät des Trojaners Aeneas, der seine persönlichen Wünsche den ihm auferlegten Pflichten unterordnet. Bei seiner Flucht aus dem brennenden Troja trägt er seinen Vater Anchises auf der Schulter, führt seinen Sohn an der Hand und rettet die Penaten (Hausgötter). Seine Ehrfurcht vor den Toten ist ebenso sprichwörtlich wie sein respektvolles Verhalten in ernsten Situationen. Friedrich Gottlieb Klopstock hat das Gedenken so zum Ausdruck gebracht: „Ihr Edleren, ach es bewächstEure Male schon ernstes Moos!O wie war glücklich ich, als ich noch mit euchSahe sich röten den Tag, schimmern die Nacht.“
Unsere jung Verstorbenen begleiten uns auf der Lebensbahn bis in das hohe eigene Alter. Wir sehen auf Bildern, wie jung sie waren, und wir erinnern sie unverändert so, wie sie jung von uns gegangen sind. Denn das Besondere bleibt, dass die früh Verstorbenen nicht altern. So, wie sie zu ihren Lebzeiten zuletzt waren, jung aussehend und makellos, stehen sie vor uns, die das Alter längst schon gezeichnet hat.
Dazu gibt es eine wunderschöne Kalendergeschichte des badischen Dichters Johann Peter Hebel. Sie heißt „Unverhofftes Wiedersehen“ und beruht auf einer wahren Begebenheit. Ein junger Bergmann in einem Kupferbergwerk in Falun in Schweden verschwand 1677 dort bei einem Grubenunglück kurz vor seiner Hochzeit. 42 Jahre später fand man seinen Leichnam erstaunlich gut erhalten in einem lange stillgelegten, mit Vitriol-Wasser gefüllten Stollen. Hände, Gesicht und Kleidung waren kaum verwest, sodass man hätte glauben können, der Mann sei erst vor Kurzem gestorben.
Ans Licht gebracht konnte ihn zunächst niemand erkennen. Als aber eine ganz alte Frau den Toten sah, sagte sie: „Es ist mein Verlobter, um den ich 50 Jahre lang getrauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen lässt vor meinem Ende.“ Diese Begegnung zwischen dem unverändert aussehenden jungen Bräutigam und seiner inzwischen gealterten Braut ist in verschiedene romantische Kunstwerke eingegangen als Sinnbild für die Macht der Erinnerung. Die alte Frau legt ihrem Verlobten bei seiner Beerdigung ein schwarzseidenes Halstuch mit roten Streifen um, das sie für die Hochzeit vorbereitet und seitdem verwahrt hatte. In ihrem Sonntagsgewand begleitet sie ihn, so als wenn es ihr Hochzeitstag wäre, und mit dem Versprechen, ihrem Bräutigam bald zu folgen.
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