Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gab es in Frankreich vergangenes Jahr mehr Todesfälle als Geburten. © Heese/epd
München – „Es ist Zeit, sich zu überlegen, ob man ein Kind haben will oder nicht.“ Diesen Satz werden in den kommenden Wochen hunderttausende junge Französinnen und Franzosen lesen – nicht in einer Nachricht ihrer Eltern, die sich Enkel wünschen, sondern in einem Brief der Regierung. Mit dem Schreiben, das diesen Sommer in den Briefkästen aller 29-Jährigen im Land landen soll, will Präsident Emmanuel Macron gegen sinkende Geburtenraten ankämpfen.
2025 verzeichnete Frankreich erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Todesfälle als Geburten. Zwar liegt die französische Fertilitätsrate mit rund 1,55 Kindern pro Frau noch über der deutschen von 1,35 und dem EU-Schnitt von 1,34. Doch auch im „Land der Liebe“ hat der demografische Winter Einzug gehalten. Macron rief bereits 2024 zur „biologischen Wiederaufrüstung“ auf.
Derart martialisch drücken sich nicht alle beteiligten Politiker aus. Gesundheitsministerin Stéphanie Rist betont, die Briefkampagne sei keine Aufforderung, Kinder zu bekommen, sondern kläre lediglich über Unfruchtbarkeit auf. „Damit sie dann nicht einmal sagen müssen: Hätten wir das nur gewusst.“ Studien zufolge ist der Kinderwunsch in Frankreich mit zwei Kindern pro Frau größer als die tatsächliche Geburtenrate. Um die Lücke zu schließen, will die Regierung Maßnahmen gegen Unfruchtbarkeit ergreifen. Für Frauen zwischen 29 und 37 Jahren übernimmt der Staat die Kosten der Eizell-Einfrierung. Die Zahl der Zentren soll landesweit fast verdoppelt werden.
Auch andere Länder kämpfen gegen drohende Überalterung an. „Die Geburtenrate in der Türkei ist erstmals in der Geschichte auf 1,48 gesunken. Das ist eine Katastrophe!“, warnte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vor einigen Monaten. Er rief für die Zeit bis 2035 das „Jahrzehnt der Familie und der Bevölkerung“ aus. Um die Geburtenrate anzukurbeln, beschloss Erdogans islamisch-konservative Regierung 2025 ein teilweises Verbot geplanter Kaiserschnitte. Hintergrund ist, dass Frauen nach einer natürlichen Geburt schneller wieder schwanger werden können.
Von allen OECD-Staaten wies die Türkei bislang die höchste Kaiserschnitt-Rate auf, mit 60 pro 100 Lebendgeburten. Viele Türkinnen protestierten gegen das Gesetz. Sie fühlten sich in ihrer körperlichen Selbstbestimmung verletzt. Erdogan zeigte dafür wenig Verständnis. „Sollen wir etwa untätig bleiben, nur weil du dich unwohl fühlst?“
Ähnlich sieht das wohl auch Kreml-Chef Wladimir Putin. In Russland müssen sich alle Frauen ohne Kinderwunsch künftig psychologisch begutachten lassen. So will es Moskaus Gesundheitsministerium – und hat damit selbst beim Putin-treuen Menschenrechtsrat scharfe Kritik ausgelöst. „Zwang zur Fortpflanzung. Anders kann ich diese Initiative nicht bezeichnen, die eine Frau von einer freien Persönlichkeit in ein Instrument zur Verbesserung der demografischen Lage verwandelt“, schimpft die Ärztin Olga Demitschewa laut Deutscher Presse-Agentur.
In Russland ist die Fertilitätsrate mit 1,4 Kindern pro Frau so niedrig wie seit 200 Jahren nicht mehr. Angesichts der Geburtenflaute ist der Druck auf russische Frauen massiv. Hinzu kommt, dass Schätzungen zufolge hunderttausende Männer im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gefallen sind. Die Politik drängt junge Frauen deshalb, so früh wie möglich Kinder zu bekommen. „Eine Frau muss verstehen: Je früher sie gebärt, umso besser“, zitiert der „Spiegel“ Gesundheitsminister Michail Muraschko.
Es gibt jedoch auch weniger invasive Vorgehensweisen. Italien verzeichnet mit 1,18 eine der weltweit niedrigsten Geburtenraten. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni versucht, positive Anreize zu schaffen. Vergangenes Jahr stellte ihre Regierung eine Milliarde Euro für familienpolitische Maßnahmen bereit, darunter Fördergelder: den Bonus Mamme für berufstätige Mütter und den Bonus Nuovi Nati für Neugeborene.
Dennoch schrumpft Italiens Bevölkerung immer schneller. Experten mahnen, dass gesellschaftlicher Druck und finanzielle Anreize allein nicht ausreichen, um Menschen zum Kinderkriegen zu motivieren. Zukunftsaussichten und die weltpolitische Lage spielten eine nicht zu unterschätzende psychologische Rolle. Auch in Frankreich stößt die Kampagne des kinderlosen Präsidenten Macron noch vor Versand der Briefe auf wenig Begeisterung. So wird die Antwort vieler junger Franzosen lauten: Non, merci.