Man hat sich an die Bilder fast schon gewöhnt: Wieder erklärt ein britischer Premierminister vor der ikonischen Haustür mit der Nummer 10 seinen Rücktritt. Seinen Anfang nahm das Mitte Juli 2016, wenige Wochen nach dem Brexit-Referendum, als David Cameron die Konsequenzen aus seiner Niederlage zog. Laut summend zog er von dannen. „Du-Duuuu-Du-Du.“ So, als sei er froh, das alles endlich los zu sein. Es folgte eine muntere Reihe von Gescheiterten: die glücklose Theresa May, der schräge Boris Johnson, die tanzende Liz Truss, der blasse Rishi Sunak und nun eben Keir Starmer, der anders als Cameron mit den Tränen kämpfte.
Klar, schon der Brexit war Ausdruck großer Unzufriedenheit der Briten. Jenseits der glamourösen Weltstadt London sind die Missstände nicht zu übersehen, teilweise ist die Armut für ein westliches Industrieland erschreckend. Doch keines der Märchen, die die Leaving-Kampagne den Briten 2016 auftischten, wurde wahr. Im Gegenteil: Die Zuwanderung wuchs sogar – obwohl viele EU-Bürger dem Land den Rücken kehrten. Auch die Wirtschaft wurde nicht stärker, sondern schwächer. Und politisch regiert das Chaos: Die Halbwertszeit von Premierministern sinkt rapide (die drei letzten schafften es keine 700 Tage). Dafür führt Nigel Farage in den Umfragen. Jener Mann, der die Brexit-Kampagne angeführt hatte und heute behauptet, nur die Umsetzung der Regierungen sei falsch gewesen. Die gleichen Umfragen sagen übrigens: Der Brexit war ein Fehler. Obelix würde sagen: Die spinnen, die Briten!
Die gegenteilige Reaktion wäre richtig: Im Zeitalter der aggressiven Großmächte verlieren einzelne europäische Länder an Kraft und Einfluss. Bei allem Ärger über Brüssel dient der britische Weg eher als mahnendes Beispiel. Bei Sicherheit, Verteidigung und Wirtschaft braucht es eher mehr Europa als weniger. Vermutlich weiß das auch Andy Burnham, der nächste Hoffnungsträger in London. Er ist charismatischer und eloquenter als Starmer, war seit 2017 Bürgermeister von Manchester – einer alten Industriestadt, die einen bemerkenswerten Strukturwandel hingelegt hat. Einen, den auch Großbritannien als Ganzes dringend gebrauchen könnte. Doch in London erbt Burnham alle Probleme seiner Vorgänger. Mal sehen, wie lange es dauert, bis auch sein Stern zu sinken beginnt. Alles andere wäre eine Überraschung.