Reich mit der Risiko-Rente

von Redaktion

Rettung für die Rentenversicherung nötig? Die Kommission legt Vorschläge vor. © Julian Stratenschulte/dpa

München – Als Schweden 1998 eine umfassende Rentenreform beschloss, sparte die Regierung nicht an Superlativen: Von einem genialen und historischen „Jahrhundertwerk“ war die Rede. Fast drei Jahrzehnte später ist diese Euphorie zwar verflogen, als Erfolgsmodell gilt die schwedische Altersvorsorge im internationalen Vergleich jedoch bis heute.

So blickten viele deutsche Experten nach Norden, um sich Lösungen für das Rentendilemma hierzulande abzuschauen. Jahrelang forderten sie ein deutsches Pendant zur schwedischen Prämienrente: staatlich verwaltete kapitalgedeckte Vorsorge, die für alle verpflichtend ist. Diesen Wunsch nimmt nun auch die Rentenkommission in ihre 33 Empfehlungen auf. In Punkt 27 heißt es, „eine Stärkung kapitalgedeckter Elemente in der Alterssicherung“ sei ein wichtiger Schritt, um das Gesamtversorgungsniveau „nicht nur zu stabilisieren, sondern mittelfristig deutlich zu erhöhen“. Die Regierung solle für die Beitragszahler individuelle Kapitalkonten einrichten. Empfohlen wird ein paritätisch finanzierter zusätzlicher Beitragssatz von zwei Prozent.

Als Vorbild für die Umsetzung nennt die Kommission ausdrücklich Schweden. Dort zahlen Arbeitnehmer 16 Prozent ihres Bruttogehalts in die umlagefinanzierte Rente ein. 2,5 Prozent fließen in die kapitalgedeckte Prämienrente. Wer sich nicht aktiv für einen privaten Fonds entscheidet, landet automatisch im staatlichen Standardfonds AP7, den einige deshalb als „Fonds für Faule“ belächeln. Doch das Ergebnis spricht für sich: Er erwirtschaftete zwischen 2000 und 2025 eine durchschnittliche jährliche Rendite von elf Prozent.

Die Stärke des Modells liegt in seiner Größe: Indem die Rentenbehörde die Beiträge von Millionen Versicherten bündelt, kann sie gegenüber Fondsanbietern wie ein Großinvestor auftreten – und so die Kosten niedrig halten. Der AP7 glänzt dabei mit den niedrigsten Gebühren von 0,05 Prozent. Der Fonds besteht laut „Capital“ aus zwei Teilen. Er investiert zu 96 Prozent in globale Aktien von mehr als 3000 Unternehmen – darunter US-Techgiganten wie Apple und Microsoft. Die verbleibenden vier Prozent fließen in Private Equity, also Beteiligungen an Unternehmen, die nicht an der Börse notiert sind – oft eine risikoreichere Angelegenheit.

Auch die elf Prozent Rendite kommen nicht von reinem Anlegerglück. Der AP7-Fonds nutzt einen Hebel von 1,25. Für jeden Euro werden also 25 Cent geliehen, um mehr Kapital am Markt zu bewegen. Dies verstärkt die Gewinne, sorgt aber in Krisen auch für stärkere Kurseinbrüche. Kritiker mahnen, die Schweden seien gezwungen, Renten-Roulette zu spielen. So können Marktschwankungen zu Nullrunden bei Erhöhungen führen.

Trotz aller Kritik lässt sich die schwedische Bilanz durchaus sehen: Dort gelten mit rund 10 bis 13 Prozent nur etwa halb so viele Senioren als armutsgefährdet wie in Deutschland (20 Prozent). Der durchschnittliche schwedische Rentner verfügte 2022 laut einer Erhebung der Deutschen Sozialversicherung (DSV) über 82 Prozent des finanziellen Standards der Erwerbstätigen im Alter von 20 bis 64. Allerdings nicht allein dank der Prämienrente: In Schweden ist betriebliche Altersvorsorge weiter verbreitet als hierzulande. Sie sichert rund 90 Prozent der Beschäftigten zusätzlich ab.

Mit der heutigen Übergabe der 33 Renten-Empfehlungen an Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) beginnt nun offiziell die politische Debatte über ihre Umsetzung. Der Blick nach Schweden zeigt: Die Kapitalrente ist eine effiziente Stellschraube – macht aber allein noch kein erfolgreiches System.

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