Die Villa Certosa wechselt den Besitzer. © IMAGO
Rom – Die Villa Certosa auf Sardinien ist eines der letzten Überbleibsel des Berlusconi-Kosmos. Es gibt weiterhin die Unternehmen Mediaset, Mondadori oder Mediolanum, die zur familieneigenen Fininvest-Holding zählen. Aber in keinem Objekt steckte so viel Silvio Berlusconi wie in jener Traum-Residenz, die sich der viermalige italienische Ministerpräsident über die Jahrzehnte auf der liebsten Ferieninsel der reichen Italiener errichten ließ: Villa Certosa, ein italienisches Wunderland, das „Paradies auf Erden“, wie der „Corriere della Sera“ schreibt.
Nun wird das Mega-Anwesen verkauft. Der Immobilienzweig von Fininvest hat ein bindendes Angebot der Constellation Hotels Holding im Eigentum der katarischen Königsfamilie Al Thani angenommen. Zwei Jahre lang war das Luxusobjekt auf dem Markt. Jetzt steht fest: Der Berlusconi-Traum, in dem Staatschefs und Starlets antanzten, Affären inszeniert und vollzogen wurden, wechselt den Eigentümer. Dem Vernehmen nach spült die Villa mit ihren 120 Hektar Land (zweimal der Vatikanstaat) rund 350 Millionen Euro in die Fininvest-Kassen. Italien wird noch ein Stückchen mehr Katar.
Villa Certosa war nie eine normale Sommerresidenz eines Multimilliardärs. Sie war der Neo-Renaissance-Traum der 2023 verstorbenen umstrittensten Persönlichkeit Italiens. Die einen bewunderten Berlusconi wegen seiner Erfolge, die anderen verabscheuten ihn wegen seiner Skandale. Die Villa bei Porto Rotondo verkörperte diese Spannweite, irgendwo zwischen Großkotzigkeit und Illusion. 126 Zimmer, eine Groß- und sieben Kleinvillen in wunderschönem mediterranen Ambiente. Sieben Freiluft-Pools, ein Kakteengarten, ein Schmetterlingshaus, ein Karussell, ein Amphitheater, Golf- und Fußballplätze, ein Hubschrauberlandeplatz, ein Atombunker sowie ein künstlicher Vulkan, den nur der große Zampano selbst bediente und dabei einmal Wladimir Putins Hose angekokelt haben soll. Ja, Berlusconi ruhte hier im Sommer aus, aber vor allem wollte er seine Gäste beeindrucken. Die Villa Certosa – ein Tempel der Verführung.
Sie kamen zahlreich. Neben Putin waren Tony Blair und George Bush Jr. zu Gast. Die Paparazzi lichteten hier den tschechischen Premierminister Mirek Topolánek im Adamskostüm ab, ebenso wie die zahlreichen Freundinnen Silvios. „Berlusconis Harem“, titelte die Zeitschrift „Oggi“ 2007 und zeigte den Ministerpräsidenten vor der Villa mit gleich drei jungen Damen auf dem Schoß. Wenn man heute die Berichterstattung in Italien liest, klingt fast ein bisschen Sehnsucht nach jenen unsäglichen Jahren durch. Das katarische Königshaus kaufe mit der Villa auch „Berlusconis Gespenst“ mit ein, sinniert „La Repubblica“.J. MÜLLER-MEININGEN