Wehrdienst-Modell droht Flop

von Redaktion

Ein Wehrpflichtiger in der Grundausbildung des „PzGrenLehrBtl 92“: Das ist ein Panzergrenadierlehrbataillon. © dpa

Berlin/München – Es klingt super – als wäre das Personalproblem der Bundeswehr hiermit gelöst. „Mehr als jeder Fünfte“ habe Interesse an einem Wehrdienstverhältnis, meldet das Verteidigungsministerium als Zwischenstand der Wehrerfassung. Lange Schlangen vor den Musterungszentren sind aber nicht wirklich zu erwarten: Der genaue Blick auf die Zahlen ist ernüchternd. Wer nicht muss, antwortet nicht auf die vom Bund versandten Fragebögen. Und wer antwortet, signalisiert überwiegend Desinteresse.

Bis letzte Woche wurden 298.200 Anschreiben an die 18-Jährigen geschickt, knapp die Hälfte an junge Frauen. 96 Prozent der Männer haben pflichtgemäß geantwortet, spätestens nach Setzen der Nachfrist. Auf den kleinen Rest rollt nun ein Ordnungswidrigkeitenverfahren zu. Von den Frauen haben 96 Prozent nicht geantwortet, sie müssen das auch nicht.

Ein zentraler Teil ist die Bitte, Interesse am Wehrdienst zu signalisieren. Hier gibt es eine Skala von 0 bis 10. Vier von fünf Befragten haben „null Interesse“ zurückgemeldet. Kniff des Verteidigungsministeriums: Alle, die zumindest „1“ ankreuzten, werden als Interessenten gewertet – angesichts der Skala bis zehn ist das eine recht optimistische Auslegung. Tatsächlich hat von dem Fünftel, das nicht „0“ ankreuzte, die Hälfte einen Wert von 1 bis maximal 4 angegeben. Größeres Interesse hat insgesamt nur einer von 15. Davon sind viele wegen Schule oder Ausbildung erst in ein bis zwei Jahren verfügbar.

Bisher gab es 1500 Musterungen oder Kennenlerngespräche, allerdings ist die Infrastruktur dafür noch im Aufbau, weitere 600 Termine sind laut Ministerium ausgemacht. Dass jeder 18-jährige Mann gemustert wird, ob Interesse oder nicht, soll ja erst im Juli 2027 starten. Bisher wurden 20 Prozent der Untersuchten ausgemustert.

Sind das nun gute Zahlen – oder eine Warnung, dass das komplette Freiwilligkeits-Konzept floppt? Das Ministerium teilt mit, man sehe eine „insgesamt positive Entwicklung in der Personalgewinnung und -bindung“ und glaube, die Aufwuchsziele für heuer zu erreichen. Das hieße: Mindestens 186.000 aktive Soldaten in diesem Jahr zu haben, im nächsten 190.000. Aktuell sind es nach jüngsten Zahlen 185.608.

In der Politik sorgt das für Stirnrunzeln. „Auch wenn man für eine seriöse Bilanz mindestens einen ganzen Jahrgang abwarten muss, bleibt festzuhalten, dass die vorgelegten Zahlen nur das absolute Minimalziel für das erste Jahr erreichen“, sagt Thomas Erndl, der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, unserer Zeitung. Wenn der freiwillige Ansatz funktionieren solle, brauche es deutlich mehr Bereitschaft. Erndl (CSU) ist nicht restlos überzeugt vom Konzept des SPD-geführten Ministeriums. „Die flächendeckende Musterung kann eine Möglichkeit sein, noch mehr Nachwuchs zu gewinnen, aber es bedarf größter Anstrengungen, dass wir wirklich das Ziel von 40.000 freiwillig Wehrdienstleistenden in den nächsten Jahren erreichen.“

Auch der Grünen-Verteidigungspolitiker Niklas Wagener schaut skeptisch auf die Zahlen. Die hohe Rücklaufquote und das wachsende Interesse seien erst mal eine gute Nachricht. „Für die Regierung darf dies jedoch kein Grund zur Selbstzufriedenheit sein. Dass bisher lediglich 530 zusätzliche Freiwillige eingeplant sind, ist gemessen am tatsächlichen Bedarf schlicht zu wenig, um die Debatte über weitere Schritte für erledigt zu erklären.“ Wagener kritisiert zudem, es sei falsch gewesen, die Debatte von Anfang an nur auf junge Männer zu verengen. „Dass Frauen kaum erreicht werden, ist hausgemacht.“ Es brauche „mindestens eine gleichberechtigte Ansprache und eine gezielte Verbesserung der Rahmenbedingungen für Frauen in der Bundeswehr“.

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