Ein mit Orden dekorierter Veteran äußert massive Kritik am Zustand der Armee: Das Video des Ex-Frontsoldaten Alexander Lunin weckt Erinnerungen an den Aufstand des Söldnerführers Jewgeni Prigoschin. Denn nichts bedroht Wladimir Putins Macht so sehr wie Kritik von der patriotischen und militärischen Seite. Das Video eines bis dahin weitgehend unbekannten Ex-Soldaten wurde schon rund 15 Millionen Mal in Russland gesehen, der Kreml-Sprecher musste auf einer Pressekonferenz dazu Fragen beantworten. All das zeigt: Die Probleme mit korrupten, gewalttätigen Militär-Kommandanten sind so groß, dass sie nicht mit der üblichen Propaganda-Sauce übertüncht werden können. Mit seiner Äußerung, die Armee werde ihre Waffen gegen den Kreml erheben, sollte sich nichts ändern, hat Lunin sein Schicksal besiegelt – Prigoschins Absturz-Tod zeigt, wie Putin auf solche Drohungen reagiert. Aber Lunin kann Putin wegsperren, das Video und die Diskussionen darüber nicht. Ebenso wenig, wie der Kreml den Treibstoffmangel und damit die militärischen Erfolge der Ukraine noch leugnen kann.
Die Strategie Selenskyjs ist, die Russen den Krieg so spüren zu lassen, dass Putin von innen zu Diplomatie mit Kiew gezwungen wird. Doch wird ein Putin, der von seiner Rolle in den Geschichtsbüchern getrieben wird, wirklich aus einer Position der Schwäche heraus verhandeln? Sein Kalkül dürfte eher sein, die Ukrainer mit einem weiteren Kriegswinter zu zermürben, um wieder die Oberhand zu gewinnen.KLAUS.RIMPEL@OVB.NET