München – Es ist eine ungewöhnliche Allianz, die sich da auftut. Während die Ergebnisse der Rentenkommission im ganzen Land – trotz harter Maßnahmen – insgesamt auf viel positives Echo stießen, kam aus dem Osten des Landes parteiübergreifend Widerspruch. „Die Lebensleistung der Ostdeutschen muss bei der Rentenreform ernst genommen werden“, mahnte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Und seine Kollegin aus Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), stellte klar: Diese Vorschläge dürften keinesfalls 1:1 umgesetzt werden.
Was ist da los? Bislang hieß es ja eher, die Ostdeutschen seien tendenziell besser gestellt. Nach Berechnungen des „Stern“ erhalten sie im Durchschnitt 1350 Euro pro Monat – 190 Euro mehr als Ruheständler im Westen, die auf 1160 Euro kommen. Ausschlaggebend dafür sind die höheren Renten ostdeutscher Frauen. Während viele der heutigen Rentnerinnen in den alten Bundesländern ihre Erwerbstätigkeit wegen der Familie unterbrachen und somit geringere Rentenansprüche erwarben, waren Frauen in der DDR überwiegend berufstätig. Das Doppelverdiener-Modell und ein flächendeckendes Netz an Kinderbetreuung ermöglichten es beiden Elternteilen, im Beruf zu bleiben – mit Folgen, die sich heute auf den Rentenkonten widerspiegeln. So bezogen Frauen in Bayern 2024 eine durchschnittliche Altersrente von knapp 947 Euro. In Sachsen waren es hingegen rund 1220 Euro, in Berlin-Ost mehr als 1290 Euro.
Eine Analyse des Forschungsnetzwerks Altersvorsorge (FNA) bestätigt dies: In Westdeutschland führt demnach bereits das erste Kind bei Frauen zu einem finanziellen Nachteil im Alter, in Ostdeutschland zeigt sich dieser Effekt erst ab zwei oder mehr Kindern. Das heißt allerdings nicht, dass Rentnerinnen im Osten finanziell besser dastehen. Denn beim privaten Vermögen haben die Westdeutschen einen historisch gewachsenen Vorsprung. Im Durchschnitt verfügten Rentner in Ostdeutschland zuletzt über 151.000 Euro Vermögen, in Westdeutschland dagegen über 360.000 Euro.
Doch nun steht auch in Ostdeutschland die nächste Generation vor der Rente – die Nach-Wende-Generation. „Viele Menschen in Ostdeutschland haben nach der Wiedervereinigung enorme Veränderungen bewältigt, Betriebe verloren, neue Berufe erlernt und unser Land mit aufgebaut“, sagt Kretschmer. „Für Menschen in Ostdeutschland darf es keine Absenkung des aktuellen Rentenniveaus ab 2031 geben“, warnte die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser (SPD) vergangene Woche in gleich mehreren Ost-Medien. Vielen drohe die Altersarmut. „Die gesetzliche Rente ist für die meisten Ostdeutschen die einzige Lebensgrundlage im Alter.“ Kaisers Angaben zufolge sind 73 Prozent im Osten allein auf die Rentenzahlung angewiesen.
Altersarmut dürfte in Ostdeutschland künftig zunehmen. Viele Menschen, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand eintreten, blicken auf Erwerbsbiografien zurück, die von Brüchen gekennzeichnet sind. Vor allem in den rentennahen Jahrgängen seien Ostdeutsche häufiger von Armut betroffen als Westdeutsche, erklärt die Soziologin Katja Möhring im Deutschlandfunk. „Das heißt, wir werden wahrscheinlich das Problem der Altersarmut in Ostdeutschland in der Zukunft sehr verstärkt sehen.“MIK, SBE