Manchmal muss man sich schon wundern, wie weit weg der Kanzler – oder zumindest alle, die für ihn sprechen und schreiben – von der Stimmungslage der Deutschen entfernt ist. Am frühen Dienstagmorgen, der Frust über die peinliche Niederlage gegen den Fußballzwerg Paraguay war noch nicht verdaut, verkündete Friedrich Merz in den Sozialen Medien: „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ In der Schule hätte er dafür eine 5 bekommen – Themaverfehlung!
Ja, es war nur ein Post. Und eigentlich muss man hoffen, dass Merz selbst Besseres zu tun hatte, als sich über dessen Inhalt den Kopf zu zerbrechen, am Tag vor dem entscheidenden Reform-Gipfel. Aber die Posse passt ins Bild eines Kanzlers, der gerne gedankenverloren in Fettnäpfchen stapft. In diesem Fall ist die Verfehlung sogar fatal: Denn gerade der Stolz droht den Deutschen abhanden zu kommen. Vorbei ist‘s mit jener Selbstverständlichkeit, für die „Made in Germany“ einst stand. Vielen dient die offensiv planlose Nationalelf, der es an körperlicher Robustheit fehlte und die im Elferschießen die Nerven verlor, als Symbol für den Zustand des ganzen Landes.
Natürlich ist das Gejammer übertrieben. Der Grad der Frustration in Deutschland steht in keinem Verhältnis zum noch immer hohen Lebensstandard für die allermeisten. Oder um im Fußball-Bild zu bleiben: Man sollte nicht vergessen, dass dem Wirtschaftsunternehmen FC Bayern München etliche der am heißesten gehandelten Spieler dieser WM gehören. Doch eines eint Nationalelf und Land: Beide könnten es viel besser, schöpfen ihr Potenzial aber nicht aus – das ist der wahre Grund für den Frust.
Vermutlich hatte der Kanzler gehofft, seine Koalition könne beschwingt von einer furios aufspielenden Mannschaft das Reformpaket anpacken. Stattdessen liegt es nun an Merz selbst, den Deutschen ihren Stolz zurückzugeben. So seltsam es klingt: Natürlich wird sich jeder ärgern, wenn Reformen den eigenen Geldbeutel, die eigene Lebensplanung betreffen. Aber noch größer ist das Grundgefühl, dass sich im Land endlich was bewegen muss. Man kann Merz (und der zaudernden SPD!) also nur jenen Offensivdrang wünschen, den die Nationalelf vermissen ließ. Frei nach Franz Beckenbauer: Geht‘s raus und macht‘s Politik!