„Falscher Tweet, falscher Zeitpunkt, falscher Knopf“: Eine Panne soll schuld sein, dass das peinlichste Eigentor der verkorksten Fußball-WM ausgerechnet Friedrich Merz geschossen hat. „Wir sind stolz auf euch“, hatte sein Social-Media-Team nach dem blamablen WM-Aus in seinem Namen verbreitet. Doch mit den Folgen muss sich der Kanzler selbst herumschlagen. Es ist das alte Problem, dass Merz mit seiner Öffentlichkeitsarbeit permanent danebenhaut. Noch schlimmer ist, dass der verunglückte Tweet sinnbildlich für die bisherige Arbeit der Regierung steht: Ambitionslosigkeit als Programm, auf das die Bürger dann bitte auch noch stolz sein sollen.
Zu hoffen ist, dass der Verhandlungsmarathon von CDU, CSU und SPD das Land bei Rente, Gesundheit, Steuern und Arbeitsmarkt voranbringt. Doch werden Einschnitte ins soziale Netz nicht reichen, um den Standort zu retten. 500.000 Industriejobs gingen seit 2019 verloren, zuletzt schreckte die VW-Katastrophe das Land auf. Mitverantwortlich dafür ist die teure Energie. Dagegen könnte man was tun, etwa die beträchtlichen heimischen Gasfelder anzapfen, wie es CSU-Chef Söder fordert, oder die drei zuletzt abgeschalteten Atommeiler reaktivieren, was laut Experten möglich wäre. Mehrere frühere AKW-Chefs haben das jetzt in einem Brief an die Regierung gefordert. Doch der Kanzler schaltet auf Durchzug. Er hat den Atomausstieg im März zwar als Fehler, aber auch als „unumkehrbar“ bezeichnet, um sich Ärger mit der SPD zu ersparen. Lieber nimmt er die fortschreitende Deindustrialisierung in Kauf.
Damit setzt Deutschland seinen Alleingang in Europa fort. Das ist so ambitionslos wie der müde Kick der Nationalelf. Es bleibt ein Rätsel, warum die SPD lieber den Arbeitnehmern unvermeidliche Einschnitte zumutet, als die untragbar gewordenen Produktionskosten auch durch niedrigere Energiepreise zu senken. Als ob heimische Erdgasförderung ein Frevel wäre, den man lieber anderen Ländern überlässt. Stattdessen gehen die Genossen auf Wirtschaftsministerin Reiche los, die nicht will, dass Stromkunden weiter Milliarden für überschüssig produzierten Grünstrom zahlen müssen. Es ist wie bei der Nationalmannschaft: Der alte Ruhm verblasst. Es geht bergab. Aber immer noch tragen einige die Nase ziemlich hoch. GEORG.ANASTASIADIS@OVB.NET