WIE ICH ES SEHE

Die unvollendete Revolution

von Redaktion

„Alle Menschen sind gleich geschaffen. Ihr Streben nach Lebensglück gehört zu ihren unentziehbaren Grundrechten.“ So heißt es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, die vor 250 Jahren in Philadelphia unterzeichnet wurde. Es ist mehr als ein Schönheitsfehler dieses großartigen Dokumentes der persönlichen Freiheit, dass einige von deren Verfassern, sogar Thomas Jefferson als Sklavenhalter, die Freiheit schwarzer Menschen unterdrückten.

Der Protest gegen die Sklaverei aber hat dieses Land immer begleitet. Er kam schon 1688 von deutschen Quäkern aus Krefeld, die bei Philadelphia die Siedlung Germantown gegründet hatten.

Überhaupt haben Deutsche bei der Entwicklung der USA eine große Rolle gespielt. Die Landgrafen von Hessen wie auch andere deutsche Fürsten hatten ihre Landeskinder an die Engländer zum Kampf gegen die aufständischen Siedler in der neuen Welt verkauft. Viele dieser zum Krieg Gezwungenen wechselten aber die Seiten und schlossen sich den Truppen von George Washington an.

Später waren es Deutsche, wie die März-Revolutionäre von 1848, die in Amerika die freiheitlichen Institutionen entscheidend fördern konnten.

Die USA haben im 20. Jahrhundert uns Deutschen vielfach vergolten, was freiheitlich denkende deutsche Einwanderer ihrem Land Gutes getan haben. Gleich nach 1945 waren es wieder die Quäker, die sich um die Ernährung deutscher hungernder Kinder gekümmert haben. Dann kamen die Care-Pakete, eine große philanthropische Bewegung mit dem Versand von Gütern über den Hunger hinaus bis zu Textilien wie Seidenstrümpfen. Mit der Luftbrücke schafften es die Alliierten, allen voran wieder die Amerikaner, die Millionenstadt West-Berlin über Monate zu ernähren und so vor der Einverleibung in das sowjetische System zu bewahren.

Ein Höhepunkt der populären Verbindung beider Länder war es, als im Oktober 1958 ein blutjunger Elvis Presley als Soldat der US-Armee nach Bad Nauheim kam. Unvergesslich ist sein Lied „Wooden Heart“, eine deutsch-englische Version des berühmten schwäbischen Volksliedes „Muss i denn zum Städtele hinaus“.

Die Berliner Reden der Präsidenten Kennedy („Ich bin ein Berliner“) und Reagan vor dem Brandenburger Tor („Mr. Gorbatschow, open this gate!“) haben einen wichtigen Anstoß gegeben zum späteren Mauerfall. Überhaupt ist es vor allem den Amerikanern zu verdanken, dass wir die Chance zur Wiedervereinigung in der Gorbatschow-Zeit nutzen konnten.

So ist die deutsch-amerikanische Atlantikbrücke von einer Verbundenheit durch Jahrhunderte zu einer festen Ehe geworden. Die muss sich jetzt bewähren, denn dieser 250. Geburtstag kommt zu einer Zeit großer Sorge um die weitere freiheitliche, weltoffene Entwicklung dieses Landes von Einwanderern. Vor den Auswüchsen der MAGA-Bewegung wie der Trump-Verwaltung würden die Gründerväter wohl entsetzt ihr Gesicht verhüllen. Sie haben ihre Revolution auf den Glauben an die Vernunft ganz normaler Menschen gegründet. Das hat sich auch in früheren Krisen über 250 Jahre bewährt. Wie alles Menschliche bleibt die großartige Revolution von 1776 vor allem eines – unvollendet.

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