Was wusste Kiew über Anschlag?

von Redaktion

Überführung aus Italien: der verdächtige Ukrainer. © dpa

München – In Hamburg nimmt ein politisch hochbrisanter Kriminalfall Fahrt auf. Denn was viele lange für unmöglich hielten, ist in dieser Woche passiert: Die Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen einen mutmaßlichen Mittäter der Nord-Stream-Sprengung erhoben. Unter Verdacht steht ein Ukrainer, vorgeworfen wird ihm unter anderem ein „Kriegsverbrechen des Angriffs gegen zivile Objekte“, wie der Generalbundesanwalt mitteilte. Unklar ist aber noch, ob ein Auftrag oder Wissen der ukrainischen Regierung belegt werden kann. Es wäre ein zusätzlicher diplomatischer Knall – bald vier Jahre nach der Explosion der Gas-Pipelines von Russland nach Deutschland. Es stünde der Vorwurf im Raum, Kiew habe wissentlich Infrastruktur eines seiner Unterstützer im Ukraine-Krieg zerstören lassen.

Doch einfach ist weder die Ermittlung noch die politische Gesamtlage. Auch Nato-Staaten wie Polen begrüßten das Aus für die Pipeline offen – weil der Gas-Handel Russlands Kriegskassen füllte. De facto hatte Moskau im September 2022 die Lieferung an Deutschland längst eingestellt, die Gasspeicher waren weitgehend leergelaufen. Und was die ukrainische Regierung von den Plänen wusste, ist unklar. Ein möglicher Prozess werde „sehr spannend“, sagte Investigativjournalist Bojan Pancevski unserer Zeitung zuletzt. Pancevski hat über mehrere Jahre zum Fall Nord Stream recherchiert.

Er erfuhr dabei auch einiges über den nun angeklagten Mann: „Er ist ein Offizier, ein Verteidiger der ersten Stunde. Er hat in der Schlacht um Kiew gekämpft, er hat 25 Jahre lang gedient“, sagte Pancevski. In deutschen Medien firmiert der Mann als „Serhij K.“ – ukrainische Medien nennen auch seinen vollen Namen. K. war zum Zeitpunkt des Anschlags Kapitän der Armee. Pancevskis Recherchen zufolge war er einer der Köpfe bei der Ausführung der Pläne, K. soll Kommandant der Crew auf der Jacht „Andromeda“ gewesen sein, von der aus mutmaßlich die Tauchgänge zu den Pipelines liefen.

Ein wichtiger Punkt allerdings: Die ukrainische Armee funktioniert anders als jene der westlichen Staaten – das gilt weiterhin und es galt insbesondere im Jahr 2022, kurz nach Beginn der russischen Invasion. So bestellen Militäreinheiten selbstständig Gerät, meist direkt unterstützt von privaten Spendern. K. war laut Pancevski Teil einer Gruppe. Deren Führung habe teils Kontakt zum damaligen Militärchef Walerij Saluschnyj gehabt – inwieweit das Präsidialamt im Bilde oder gar wohlwollend eingestellt war, bleibt bislang im Dunkeln.

„Die Gruppe hinter dem Nord-Stream-Anschlag war zu Kriegsbeginn in eine der besten Elite-Einheiten der Ukraine eingebettet“, sagte Pancevski – gerade die Planer seien „erbitterte Feinde des Präsidenten und vor allem seines ehemaligen Kabinettschefs Andrij Jermak“.FLORIAN NAUMANN

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