Weidels Sieg und Höckes Schatten

von Redaktion

Die alten und neuen AfD-Chefs: Tino Chrupalla (l.) schnitt deutlich schlechter ab als Alice Weidel (r.), die ihre Machtbasis ausbaut. Im kleinen Bild umarmt sie die neue Vize Katrin Ebner-Steiner. © AFP/Eibner

Erfurt – Diese Selbstlosigkeit. Gerade hat der Versammlungsleiter Alice Weidel gefragt, ob sie als erste Bundessprecherin kandidieren möchte. Und sie: lehnt ab. Sie schlage stattdessen Tino Chrupalla vor, sagt sie knapp ins Mikro der schummrigen Erfurter Messehalle. Es dauert nicht lange, bis sich Chrupalla revanchiert. Für den Co-Vorsitz nominiert er Weidel, die natürlich annimmt. Es ist eine kleine Choreografie mit gezielter Botschaft: Streit? Gibt‘s nicht mehr in der AfD.

Dass es in Wahrheit komplizierter ist, dass die zwei Parteichefs eher ein Zweck- als ein Liebesbündnis sind, ist ein offenes Geheimnis. Aber an diesem Tag soll es zumindest so aussehen, als passe kein Blatt zwischen sie. „Wir waren, sind und bleiben ein Herz und eine Seele“, sagt Chrupalla morgens bei der Eröffnung des Bundesparteitags. Weidel trägt ähnlich dick auf. Am Ende bleiben beide im Amt: Sie bekommt gut 81 Prozent, er landet bei rund 70.

Schon vor dem Wochenende war klar, dass die AfD-Spitze beim Heimspiel im Osten vor allem eines will: Einigkeit zeigen. Alles andere wäre jetzt, da es so gut läuft für die in Teilen rechtsextreme Partei, schädlich. In Sachsen-Anhalt hofft die AfD nach den Wahlen im Herbst auf die erste Regierungsübernahme ihrer Geschichte. Spitzenmann Ulrich Siegmund kann sich in Erfurt vor Lobpreis kaum retten. „Unser Ministerpräsident“, nennt Weidel ihn.

Um den Frieden zu wahren, hielt man den Parteitag von allem frei, was nach Kontroverse riecht. Inhalts- und Grundsatzdebatten wurden vertagt. Einen heiklen Antrag zur Aufweichung der Unvereinbarkeitsliste, auf der Organisationen stehen, die selbst der AfD zu radikal sind, räumt Weidel mit dem Versprechen ab, das schnell selbst in die Hand zu nehmen. Ein gewichtiges Zugeständnis an Björn Höcke und jene, die die Tore für Extremisten weiter öffnen wollen. Für den Parteitagsfrieden nimmt Weidel das in Kauf.

Der Samstag ist, wenn man genau hinschaut, ihr Tag. Dass sie so viel stärker abschneidet als ihr Co-Chef Chrupalla, hatten Insider vorhergesehen. Aber das ist nicht alles. Weidel und ihrem Netzwerk gelingt es, zahlreiche ihrer Kandidaten in den neuen Vorstand zu hieven. Dazu zählt etwa Sven Tritschler, ein Mann aus dem tief zerstrittenen NRW-Landesverband. Bei der Wahl um den ersten Vize-Posten setzt er sich gegen Kay Gottschalk durch, der eher zu Chrupalla neigt. Die beiden attackieren sich hart. Es ist ein erster Riss im Harmonie-Theater, nicht der einzige.

Künftig wird Weidel deutlich mehr Gewicht im Vorstand haben. Das gilt auch für den Gastgeber in Erfurt: Björn Höcke. Am Samstag huscht er immer wieder durch den Saal, spricht sich ab, gibt Interviews. Auf der Bühne ist er nur einmal zu sehen. In seiner Begrüßungsrede spricht er vor allem über sein Lieblingsthema: Das angeblich gestörte Verhältnis der Deutschen zu sich selbst. Wie zum Beleg erinnert er an 2013, als Angela Merkel ihrem Generalsekretär Hermann Gröhe eine Deutschlandflagge aus der Hand nahm. Die Aufgabe der AfD sei es, Deutschland zu therapieren, sagt Höcke, die „gebrochene Identität zu heilen“. Ein Teil der Nation müsse „auf die Couch“.

Schon die Ausrichtung des Parteitags in Erfurt war ein Erfolg für den Thüringer; das Schleifen der Unvereinbarkeitsliste ein zweiter. Vor allem wird sein Arm künftig noch weiter nach Berlin reichen, denn zwei der drei neuen Vize-Parteichefs sind besonders enge Vertraute. Neben Stefan Möller wählen die Delegierten überraschend auch Bayerns Fraktions- und Vize-Landeschefin Katrin Ebner-Steiner. Sie bekommt knapp 56 Prozent.

Nur einer kratzt zaghaft, aber nicht versehentlich am Höcke-Nimbus. „Der Westdeutsche ist genauso Deutscher wie der Ostdeutsche“, ruft Chrupalla in seiner Bewerbungsrede in den Saal. Es ist die Replik auf ein Interview, in dem Höcke die Wessis als „deutsch sprechende Amerikaner“ bezeichnet hatte. Der Ossi Chrupalla könnte sich das leicht zu eigen machen, tut es aber nicht.

Für AfD-Verhältnisse läuft der Parteitag dennoch reibungslos – fast. Irgendwann am Nachmittag ertönt im Saal der „Imperial March“, Song des „Star Wars“-Bösewichts Darth Vader. Techniker suchen minutenlang den Saal ab, schließlich finden sie hinter dicken Vorhängen vier Bluetooth-Lautsprecher. Wer sie da aufgestellt hat, bleibt ein Rätsel.

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