Für Le Pen geht es heute um alles

von Redaktion

Sie oder er? Heute entscheidet sich, ob Marine Le Pen 2027 als Präsidentschaftskandidatin antreten darf oder ob es Jordan Bardella richten soll. © Simon Wohlfahrt/AFP

Paris – Man konnte leicht den Eindruck gewinnen, die Sache sei entschieden. Jordan Bardella, Chef des Rassemblement National (RN), zog in den vergangenen Monaten unermüdlich durch Talkshows, gab Interviews, übte sich auf internationaler Bühne. In Polen ließ sich der 30-Jährige von Präsident Karol Nawrocki empfangen. Seinen 1,4 Millionen Instagram-Abonnenten zeigte er, wie er mit Blaulicht-Eskorte durchs Land fährt und an der Grenze zu Belarus die Zurückweisung von Migranten fordert.

Das alles sprach eine klare Sprache: Bardella wird der nächste Präsidentschaftskandidat der französischen Rechtspopulisten. Aber die Sache ist noch nicht entschieden. Denn noch hofft RN-Ikone Marine Le Pen auf ihre Chance.

Heute fällt das Urteil im Berufungsverfahren gegen die 57-Jährige, von dem abhängt, ob sie ihr Glück 2027 doch noch mal versuchen darf. Es wäre ihre vierte Kandidatur um die Präsidentschaft und eines ist gewiss: Sie hätte den Umfragen zufolge bessere Chancen als je zuvor. Falls nicht, soll Bardella ins Rennen gehen. Er bereitet sich seit Monaten vor.

Im Prozess geht es um die Frage, inwiefern Le Pen und zehn weitere Angeklagte die Gehälter für EU-Parlamentsassistenten genutzt haben, um ihre Parteifinanzen zu sanieren. Le Pen wies die Vorwürfe zurück. Die Frage ihrer Kandidatur hängt nun von der Schwere der Strafe ab. In erster Instanz war sie im März 2025 zu vier Jahren Haft verurteilt worden, davon zwei auf Bewährung und zwei in Form einer elektronischen Fußfessel. Zudem wurde sie zu einem fünfjährigen Kandidaturverbot verurteilt. Sollte das Gericht das Urteil bestätigen, dürfte sie nicht antreten. Die Staatsanwaltschaft forderte eine um ein Jahr verringerte Haftstrafe, blieb aber beim fünfjährigen Kandidaturverbot.

Eine Kandidatur wäre nur möglich, wenn die Richter Le Pen freisprechen – was mangels neuer Belege als unwahrscheinlich gilt – oder die Strafe erheblich reduzieren. In diesem Fall käme es auf Details an: Le Pen könnte antreten, wenn sie zu einem höchstens zweijährigen Kandidaturverbot verurteilt wird und die Richter auf eine elektronische Fußfessel verzichten. Sie hat keinen Zweifel daran gelassen, dass sie dann auch kandidieren würde.

Sollte sie ausfallen, steht Bardella längst in den Startlöchern. Der junge, dynamische Parteichef hat sich in den vergangenen Monaten bemüht, sich ein staatsmännisches Image zu geben. In Umfragen liegt er solide mit 35 bis 37 Prozent vorn. Le Pen käme mit 32 Prozent ebenfalls auf den ersten Platz und damit ziemlich sicher in die Stichwahl am 2. Mai. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron darf nach zwei Amtszeiten nicht direkt wieder antreten. Aus seinem Lager wollen die beiden Ex-Premierminister Edouard Philippe und Gabriel Attal antreten.

Sowohl Le Pen als auch Bardella stehen für eine migrationsfeindliche und EU-skeptische Politik. Zuletzt zeichneten sich zwischen den beiden aber gewisse politische Differenzen ab: Le Pen setzt auf eine Wählerschaft in strukturschwachen Gebieten, Bardella zeigt sich liberaler und unternehmerfreundlicher. Er sucht die Nähe zu Deutschland, sie nicht; bei Russland ist es umgekehrt. So oder so wäre die Wahl eines RN-Kandidaten ein politisches Erdbeben für die EU. Beide wollen Frankreichs EU-Beitrag drastisch reduzieren, die Grenzkontrollen verschärfen und eine Frankreich-zuerst-Politik durchsetzen.

Auch auf Bardella warten bereits mögliche Ermittlungsverfahren: Er steht im Verdacht, einen Kommunikationsberater mit EU-Geldern bezahlt und zudem gefälschte Dokumente vorgelegt zu haben, um seine Arbeit als EU-Parlamentsassistent zu bezeugen. Und dann ist da noch seine Beziehung zu Maria Carolina von Bourbon-Sizilien, Spross einer ehemaligen Königsfamilie. Die 23-Jährige stellt sich selbst und ihren Reichtum auf Instagram ungehemmt zur Schau. Ob der Glamour der RN-Wählerschaft zusagt? Zweifel sind angebracht.

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