Es ist ein Potemkinsches Dorf, das den Nato-Staats- und Regierungschefs in Ankara präsentiert wird: Entlang der Fahrtrouten der Staatsgäste wurden Sichtschutzwände errichtet, die den Blick in die Armenviertel versperren, jahrealte Schlaglöcher wurden ausgebessert. Recep Tayyip Erdogan will sein Land im besten Licht erscheinen lassen – und da gehört für ihn dazu, dass es keine lästigen Demonstranten gibt. Es ist eine regelrechte Säuberungswelle, die über das Land schwappt, hunderte Oppositionelle, Journalisten und Juristen wurden festgenommen. So sauber die Stadt, so beschmutzt ist die Demokratie durch diese Gipfel-Show – was für die Nato-Staaten, die ja ursprünglich mal Werte wie Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit verteidigen wollten, so ist, als würde Erdogan persönlich Tomaten gegen seine Potemkin-Fassaden schleudern.
Aber der türkische Präsident weiß um seine Macht innerhalb der Nato: Die Türkei nimmt im Verhältnis zu Aggressoren wie Russland oder Iran eine zentrale Vermittlerrolle ein. Seine Armee ist die zweitgrößte des Verteidigungsbündnisses. Und Erdogan versteht es, den Riss zwischen der EU und den Trump-USA zu nutzen: Sollten die Europäer allzu lästig türkische Demokratie-Defizite beklagen, kann er Deutschland, Frankreich und Co. auflaufen lassen. Als Schnittstelle zu Asien und dem Nahen Osten ist Ankara für die zunehmend auf sich selbst gestellte EU unverzichtbar.