KOMMENTAR

Machthunger sticht Anstand

von Redaktion

Der Slogan des rechtspopulistischen Rassemblement National lautete lange „Mains propres et tête haute“, also: „Saubere Hände und erhobenen Hauptes“. Das mit den sauberen Händen hat sich, wenn es denn je stimmte, erledigt. Marine Le Pen ist auch im Berufungsprozess der Veruntreuung von EU-Geldern für schuldig befunden worden. Nicht eine weiße Weste, sondern ein überraschend abgemildertes Urteil erlaubt ihr nun die erneute Kandidatur um die Präsidentschaft. Sie greift zu. Der Slogan könnte lauten: Machthunger sticht Anstand.

Immerhin besteht nun Klarheit darüber, mit wem es Frankreich bei der Wahl in neun Monaten zu tun bekommt. Lange stand die Option im Raum, dass Jordan Bardella, der junge Chef des Rassemblement National, in den Ring steigt. Er gilt als Politiker vom Typus Meloni, einer also, mit dem man sich auch in Europa zur Not arrangieren kann. Le Pen ist ein anderes Kaliber, disruptiver, ideologischer. Auch ihre politischen Gegner in Frankreich halten sie für die weitaus unangenehmere Kandidatin. In Umfragen liegt Le Pen deutlich vor allen denkbaren Gegnern.

Die brennende Frage wird nun sein, wer es mit ihr aufnehmen kann. An Bewerbern aus den Mitte-Parteien mangelt es nicht, bisher aber ist niemand dabei, der Le Pens Strahl- und Integrationskraft, die bis ins bürgerlich-konservative Lager reicht, halbwegs parieren könnte. Ändert sich das nicht, könnte Frankreich vor einer Wahl der Extreme stehen. Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, der schon ähnlich lang auf das Präsidentenamt schielt wie Le Pen, liegt in Umfragen auf Platz zwei. Klar ist: Frankreich wäre unter der Führung eines der beiden nicht wiederzuerkennen – und Europa wäre ein Fall für die Intensivstation.

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