Ganz normaler Gipfel-Wahnsinn

von Redaktion

„Geschlossen, stark, selbstbewusst“ sieht Friedrich Merz die Nato. Auch wenn es mit Trump schwierig bleibt. © Kappeler/dpa

München – Sein Geschenk hat Friedrich Merz erst ganz am Ende bekommen, das war wohl auch besser so. Zum Abschied überreichte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan jedem seiner Gäste einen Revolver, mit Namensgravur, einer Schachtel Munition und Ausfuhrerlaubnis. Eine, nun ja, nette, wenn auch drastische Geste. Zumindest aber vom Timing her optimal platziert.

Es gab Momente bei diesem Nato-Gipfel in Ankara, in denen man froh sein konnte, dass kein Teilnehmer eine geladene Waffe in Reichweite hatte. Die Stimmung war, selbst wenn man den speziellen Trump/Nato-Maßstab anlegt, außergewöhnlich explosiv. Die schlimmsten Beleidigungen hob sich der US-Präsident zwar für die iranische Führung auf („Abschaum“), aber sehr viel besser kam auch Pedro Sanchez, Spaniens Regierungschef, nicht weg. Dessen Land sei „ein verlorener Fall, ein schrecklicher Partner“, wolle immer nur nehmen und nichts geben, schon gar keine Unterstützung für Trumps Iran-Krieg.

Sanchez hat die Tiraden gelassen ertragen. Er weiß ja, man muss bei Trump manches hinnehmen, wenn ein Gipfel gelingen soll. Und tatsächlich, nach manch irrer Volte nahm dieses Treffen ein mehr als versöhnliches Ende, nicht nur wegen Trumps Geflöte von „Liebe in der Luft“. Friedrich Merz lobte in seiner gestrigen Regierungserklärung: „Das Ergebnis übertrifft alle Erwartungen.“

Das gilt konkret für Deutschland. Als der Kanzler nach Ankara flog, dröhnte ihm noch Trumps Ärger über „lächerliche“ Rüstungsausgaben in den Ohren, ein Klassiker vor jedem Gipfel. Auf dem Rückweg hatte er dann eine wichtige Einigung im Gepäck, deren Bekanntgabe er sich für den Bundestag aufhob. Man werde in den USA Mittelstreckenwaffen des Typs Tomahawk kaufen und in Deutschland stationieren. Weil sich damit eine Lücke im Arsenal der Bundeswehr schließt, ist das ein bedeutender Schritt. Zur Wahrheit gehört gleichwohl, dass Trumps Vorgänger Joe Biden ohnehin vorhatte, sie an deutschen Standorten zu platzieren – ganz kostenlos. Trump nahm das Angebot vor einigen Monaten vom Tisch, als er auch tausende US-Soldaten abzog. Nun lässt er sich die Tomahawks teuer bezahlen.

So ist das bei Trump: Man muss vieles schlucken in der Hoffnung, dass es sich irgendwie lohnt. Bezeichnenderweise lobte Merz den Nato-Generalsekretär Mark Rutte, der den Gipfel „exzellent vorbereitet und hervorragend durchgeführt“ habe. Der Niederländer hat sich den Ruf hart erarbeitet, gegenüber Trump mindestens unterwürfig zu sein, wenn nicht gar ein Schleimer. Ein dänischer Journalist fragte ihn in Ankara, wie es um seinen „Selbstrespekt“ bestellt sei. Derselbe Rutte fuhr dem Präsidenten aber öffentlich in die Parade, als der mal wieder über Europa und die mangelnde Unterstützung für den Iran-Krieg herziehen wollte. Gleich zweimal betonte er die tausendfache Nutzung europäischer US-Basen. Das erlauben sich nicht viele.

„Geschlossen, stark, selbstbewusst“ sieht Merz die Nato, egal wie holprig der Weg mal wieder war. Sie bleibe ein transatlantisches Bündnis, „aber wir haben verstanden, dass wir unsere Sicherheit nicht einfach auslagern können“. Selbst Trump, heißt es, sei intern umgänglich gewesen. Hinter geschlossenen Türen habe er konstruktiv mitgewirkt, allen zugehört und sich Vorwürfe verkniffen.

Am Ende kamen sogar die Spanier ganz gut weg. Sanchez erzählte, wie er vor dem Gruppenfoto (und nach den Tiraden) mit Trump über Fußball geplaudert habe. Der Präsident attestierte seinerseits Sanchez gegenüber US-Reportern ein „beeindruckendes Comeback“. Grund sei eine größere Zahlung der Spanier gewesen, sein Verhandlungsgeschick eben.

Lange dürfte die Harmonie aber nicht halten. Schon auf dem Rückflug wechselte Trump wieder in den Angriffsmodus und drohte Europa mit weiteren Truppenabzügen, sofern man ihm nicht seinen Herzenswunsch erfülle: „Vieles wird von Grönland abhängen.“ Der ganz normale Gipfel-Wahnsinn.

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